Freitag, 6. März 2020

Methodierst Du noch oder lebst Du schon?

Ja, ich gebe zu: Dieses Wort gibt es nicht. Dabei frage ich mich, warum eigentlich nicht? Oft werde ich gefragt: "Und? Nach welcher Methode arbeitest Du?" und ich stelle die Gegenfrage: "Und? Nach welcher Methode liebst Du Deinen Partner?" Verwirrte Gesichter schauen mich an und manch einer geht irritiert aus diesem Gespräch.
Was ist das denn für ein Gedanke, eine Grundannahme, man müsse mit seinem Hund nach einer Methode umgehen?
Mein Hund ist doch nicht ein Stück Holz, welches ich nach Methode x oder y bearbeite? Obwohl ich zugeben muss, dass das Ergebnis auch bei meinem Hund einem Kunstwerk gleicht, zumindest ist es ähnlich faszinierend.
Zurück zur Methode: Früher war ich immer schon irritiert, wenn Menschen mich fragten, ob ich "englisch" oder "western" reite. Mit dem Horn am Sattel war ich dann direkt in der Schublade. Es interessierte keinen, ob ich meinem Pferd beim Reiten Schaden zufügte oder nicht. Einzig die "Methode" nach…Hempfling, Branderup oder Kreinberg (um nur einige zu nennen) interessierte, um zu bewerten, ob es gut oder schlecht war, ob ich mir den teuren Guru leisten konnte oder eher die zweite Wahl nahm.
Jetzt kriege ich die selbe Frage von Kunden, Hundebesitzern und sogar Berufskollegen gestellt - ich bin immer noch irritiert!
Ich weiß natürlich, was gemeint ist, aber das macht mich wirklich fassungslos. Warum hängen Menschen an Methoden wie die Kletten im Fell meines Hundes? 

Ich vermute: Eine Methode macht klare Vorgaben, was zu tun und zu lassen ist, sie nimmt die Verantwortung aus dem eigenen Hirn. Man kann sich auf die Methode, den Guru berufen, wenn es Kritik gibt oder etwas nicht funktioniert. Eine Methode gibt mir (scheinbare) Sicherheit und wenn sie zudem noch von vielen anderen eingesetzt wird, kann sie ja nicht falsch sein. 
Man stellt sich und seine Meinung und Überzeugungen gerne hinter den Mainstream und schwimmt lieber der Masse hinterher. Es ist mindestens bequem und man fällt nicht auf. Was alle tun kann nicht verkehrt sein und wenn alle dann auch noch die gleichen Probleme habe wie man selbst, ist man immerhin in bester Gesellschaft. Das ist dann wohl so und wird als normal hingenommen. Zu mühsam wäre das Selber-nachdenken, unbequem die Nachfragen der anderen. Da bleibt man lieber mit all den anderen im Sumpf hängen.
Die Menschheit hat sich weiterentwickelt, weil es immer welche gab, die so neugierig waren, dass sie ausgetretene Pfade verlassen haben. Die breite Masse hat das Menschsein nicht vorangetrieben, es waren einzelne Menschen, die innovativ und "anders" waren und mindestens für sich anders entschieden haben. Abweichend vom Mainstream, die auch mal experimentiert haben und Risiken eingegangen sind, ja, die auch Mut zum Scheitern hatten.
In jedem von uns schlummert diese kleine Pippi Langstrumpf, die sich traut, den anderen den Kampf anzusagen, sich die Welt nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Wo in Dir steckt die kleine Pippi?
Das Zusammenleben mit einem Hund ist eine Entscheidung, die alleine DU getroffen hast. Dein Hund erwartet zu Recht eine soziale Einbindung in die neue soziale Gruppe von Menschen. Er erwartet zu Recht die Fortführung der Bindung wie er sie von seiner Mutter kennengelernt hat. Er kann biologisch nichts Anderes erwarten als die Fortführung dessen, wozu er geboren ist. Die Natur hat kein Konzept für "Adoptiert-werden von einem Artfremden", er würde bei seiner Mutter und seinen Geschwistern bleiben und zu diesen eine bestimmte Bindungsqualität aufbauen. Es ist unsere Verantwortung, das fortzuführen. Und der Bindungsaufbau funktioniert nicht nach einer Methode, sondern dadurch, dass man die biologischen Gesetzmässigkeiten für den Bindungsaufbau kennt und berücksichtigt. Das bedingungslose und prompte Erfüllen der Grundbedürfnisse ist z.B. einer der grundlegenden Aspekte. Dabei gibt es sogar Methoden, die mit dem Vorenthalten genau dieser Grundbedürfnisse arbeiten und von sich behaupten, sie würden darüber die Bindung aufbauen.
Wenn wir mit unserem Partner zusammenleben und unsere Kinder in ihr Leben begleiten, dann ist die Grundlage dafür doch nicht eine Methode?! Wir sind so wie wir sind, in unserer ganzen Persönlichkeit, und das Zusammenleben ergibt sich aus unserer Persönlichkeit und der unseres Partners oder Kindes. Dabei geht es auch um Diskussionen, Auseinandersetzungen und Grenzen und Regeln, die besprochen, eingehalten und angepasst werden. Aber das ist doch keine Methode? Methoden sind Korsette, die allen gleichermassen übergestülpt werden ohne die Individualität oder jeweilige Bindungsqualität zu berücksichtigen. Methoden sind pauschale Vorgehensweisen, die weder angepasst auf den einzelnen angewendet werden, noch dessen individuelle Bedürfnisse berücksichtigen.
Das war nie mein Weg, aber ich biete Dir an: Komm mit auf diese spannende Reise, den Hund, DEINEN Hund zu entdecken. Mach Dich frei von Methoden, schalte Dein eigenes Hirn ein, fühle in Deinem Bauch und Herz.
Deshalb: Methodierst Du noch oder lebst Du schon?

Samstag, 15. Juni 2019

Hilfe - mein Hund wird gemobbt!

Auf der Hitliste der Hundeprobleme taucht an oberster Stelle immer und immer wieder das Thema Aggression vor allem gegenüber Artgenossen auf. Mal sind es Ressourcen wie Futter, Spielzeug, der eigene Mensch, das eigene Grundstück oder Wasser, welches verteidigt wird, häufig ist es aber auch die Leine, an der gezerrt und herumgepöbelt wird: Die sogenannte Leinenaggression.
Besonders beliebt als Objekt der Konfrontation sind gleichgeschlechtliche Artgenossen, noch besser sind die aus der unmittelbaren Nachbarschaft und ganz toll, wenn sie auch noch in einem Alter sind, dass man ordentlich auf den Putz hauen kann, ohne selber in Gefahr zu kommen - man kann erfolgreich beeindrucken. Das fühlt sich ab einem bestimmten Zeitpunkt auch ziemlich gut an. Ausserdem kann es sich der moderne Haushund im Gegensatz zum freilebenden Strassenhund leisten, gewisse Risiken einzugehen. Wird er bei einem Angriff verletzt, schleppt ihn der Besitzer zum Tierarzt und lässt ihn wieder zusammenflicken.
Nun gibt es Immer zwei Seiten der Medaille: Den Angreifer und den Verteidiger. Hat man einen Hund der ersten Kategorie, dann gibt es Hundehalter, denen das unangemessene Verhalten ihres Hundes Sorgen bereitet. Sie arbeiten daran, dass der Hund nicht ständig unangenehm auffällt. Es gibt aber auch Menschen, die es irgendwie cool zu finden scheinen und deren Empathie nicht ausreicht, sich vorstellen zu können, dass andere Menschen und Hunde das aggressive Verhalten nicht cool finden. Diese Hundehalter gehen in der Regel relativ gelassen mit der Situation um, von ihnen hört man gerne: "Das regeln die unter sich!" oder auch "Der tut nichts, will nur spielen!" oder "Bisher ist noch nie was passiert!"  Vielleicht sind sie auch einfach nur naiv.

Die Hundehalter jedoch, die einen Hund haben, der irgendwie mehr oder weniger ständig von anderen angeblafft oder gar attackiert wird, sind in ihrer Handlungsfähigkeit deutlich eingeschränkt. Sie haben wenig Möglichkeiten dazu, das Verhalten ihres Hundes nachhaltig zu beeinflussen. Auch die Trainierbarkeit im Sinne von Gewöhnung, positiver Verstärkung, Ablenkung, Zeigen und Benennen, Holding, Habituierung und was die Trainingskiste alles bereit hält..., ist im Alltag nicht umsetzbar, weil immer und immer wieder Situationen entstehen, die das bis dahin erreichte Training unbrauchbar machen.

So finde ich bei Facebook in einer Hundetrainergruppe die Schilderung von einem 1,5 Jahre alten intakten Rüden einer Hütehunderasse. Er wird als sensibel und tendenziell unsicher beschrieben, was für Hütehunde dieser Rasse nichts Ungewöhnliches ist. Weiterhin schreibt der Postersteller, dass der Hund immer wieder attackiert wird und zwar im Kontakt mit Artgenossen. Gefragt wird nach den Ursachen mit dem Hinweis darauf, dass der Hund einen "Opferblick" zeigen würde.

Bei den Antworten wird zunächst der "Opferblick" erklärt als das "fixierende" Auge, welches bei Hütehunden zum normalen Hüteverhalten gehören würde. Es sei ein Missverständnis, wenn der Hund diesen Blick gegenüber Artgenossen und nicht gegenüber Beutetieren zeigen würde und der andere Hund fühle sich dadurch provoziert. 
Daraufhin erklärt der Postersteller, dass dieser Rüde eher den Blick vermeiden würde als denn fixieren.
Eine zusätzliche Idee war, ob denn seine blauen Augen die Ursache sein könnten.

Idee Nummer zwei sind gesundheitliche Aspekte, auf die die anderen Hunde reagieren würden. Diese würden "spüren", dass mit dem Hund etwas nicht stimmt und daher auf ihn aggressiv reagieren.

Antwort Nummer drei geht in Richtung Persönlichkeitsmerkmal. Es würde halt so Typen geben, die nur "nett und sensibel" seien. Andere Hunde würden das ausnutzen, ihr Ego aufzupolieren und Frust abzulassen.

Immerhin führt diese Anwortidee dazu, dass nachgefragt wird, ob es eine Option gibt, das Selbstbewusstsein des Hundes aufzubauen oder ob er ein Leben lang dazu verdammt sein würde, in der Opferrolle zu verbleiben.

Die Antwortideen gehen interessanterweise alle in die gleiche Richtung: Der Fehler liegt im Hund selber: entweder ist es seine Jagdspezifität (Hüteverhalten) oder seine Gesundheit oder seine Persönlichkeit.

Doch im Szenario  "zwei Hunde mit ihren Menschen treffen an einem Ort aufeinander und es kommt zu aggressivem Verhalten", haben wir deutlich mehr Variablen als nur Merkmale des Opferhundes: 1. der Ort (in seiner Beschaffenheit und Bedeutung als Ressource, da es für den Hund gefühlt zum eigenen Territorium zählt), 2. mindestens zwei Besitzerpersönlichkeiten und ihr Verhalten, Beziehungsqualität zum eigenen Hund etc., 3. Persönlichkeit und Gesundheit beider Hunde, 4. die Vorgeschichte beider Hunde  5. andere Lebewesen in der Umgebung, 6. Nähe zum jeweiligen Kerngebiet des jeweiligen Hundes, 7. Futter oder andere Ressourcen (Ball, Dummy, Frisbee) beim jeweiligen Besitzer, 8.hormonelle Situation beider Hunde inkl. Stressbelastungen, 9.Lebensabschnitt beider Hunde und nicht zu vergessen: die Vorerfahrungen jeden einzelnen Hundes und bestimmt habe ich jetzt noch ganz viele andere Dinge vergessen...


Und zu guter Letzt sollte man auch einmal darüber nachdenken, dass es für Hunde eigentlich normal ist, sich NICHT vis-á-vis zu treffen, sondern per Geruchsmarkierungen zu kommunizieren und sich an diesem Ort besser nicht face-to-face zu begegnen.

Meine ganz persönliche Erklärung für das Entstehen von solchen Konfliktsituationen sieht so aus: Der 1,5 jährige Rüde hat längst verstanden, wer in seiner Umgebung lebt und dass er "kleine Brötchen" zu backen hat, weil das Gebiet von anderen (Rüden) bereits besetzt (markiert) ist und diese auch den Anspruch an die dort lebenden Hündinnen haben. Immerhin geht es biologisch immer um die Fortpflanzung. 
Es steht ihm in seinem Alter nicht zu, hier Marker zu setzen. Ihm bleibt aber nichts Anderes übrig, weil sein Sozialpartner Mensch (ich bin geneigt, hier zu schreiben ASozialpartner Mensch) ihn ständig wieder in die Situation bringt, eine Markierung zu hinterlassen, Mensch nennt das Gassigehen. Solche Hunde werden u.a. als unsicher bezeichnet, weil sie lange brauchen, ihren Kot abzusetzen und dies in der Regel auch nur fernab im Gebüsch tun. Der unsichere Hund hat ein Bewusstsein dafür, dass es eine Provokation ist, er hat aber keine Wahl. Markierungen sind Kommunikation! Die anderen Rüden nehmen diese Information auf, berücksichtigen aber dabei natürlich NICHT, dass es eigentlich keine Absicht war. Entsprechend reagieren sie auf den Hund, wenn sie ihn dann treffen: Ist doch klar, wenn jemand meine Aufforderung, fern zu bleiben, mein Gebiet nicht zu betreten, ständig ignoriert und ich treffe ihn dann, dann knallt es! Und zwar unmissverständlich. Da nützt es auch nichts, wenn er dann den Blick abwendet und sich devot "unterwirft" - zu spät!

Ich persönlich gehe davon aus, dass die meisten Probleme, die allgemein mit Hunden bestehen, verschwinden würden, wenn wir uns bewusst machen würden, in welche Situationen wir unsere Hunde bringen und welche Konsequenzen das auch für die Beziehung zu uns hat.

Sonntag, 30. Dezember 2018

Der Hund ist hochsozial?

Artikel aus der Partner Hund September 2018

Wieviel Hund braucht ein Hund?

Der Hund stammt vom Wolf ab und der Wolf ist ein hochsoziales Tier. Also ist der Hund ebenfalls sehr sozial und braucht unbedingt Kontakt zu Artgenossen, um sich wohl zu fühlen und artgerecht gehalten zu werden. So ist die gängige Meinung und auch das Tierschutzgesetz bzw. die Hundeverordnungen der einzelnen Bundesländer berücksichtigen dies in ihren Paragraphen. In der Folge entstehen „Kontaktgruppen“ in Hundeschulen, Hundewiesen für uneingeschränkten Freilauf und Kontakt zu Artgenossen und die Idee im Kopf der Hundehalter, alle Hunde würden sich gerne kennenlernen wollen. „Der will nur mal Hallo sagen“ ist eine oft gehörte Erklärung für das stürmische Verhalten des Hundes, der angeblich „unbedingt zu dem anderen hin will!“

Auch überträgt man üblicherweise das menschliche Schul- und Ausbildungssystem auf die Hunde: Als stolzer Welpenbesitzer wird allseits unbedingt zu dem Besuch einer Welpengruppe angeraten, damit der junge Hund das Sozialverhalten seiner Art lernen kann und Kontakt zu anderen Welpen bekommt. Der junge und auch erwachsene Hund sollte die Möglichkeit haben, mit seinesgleichen zu kommunzieren und zu lernen, sich möglichst sozial zu verhalten; dies ist die Absicht dahinter.

Diesen Ratschlägen und Empfehlungen folgen sehr viele Hundebesitzer. Sie sind engagiert dabei, den Hund „kopfmäßig“ auszulasten, Grundgehorsam zu fordern und ihn entsprechend zu sozialisieren, damit es zu keinen Konflikten mit anderen Lebewesen kommt.

In vielen Fällen funktioniert das auch, bis der Hund erwachsen ist. Häufig stehen dann Besuche in der Hundeschule an, weil der Hund plötzlich nicht mehr freundlich auf Artgenossen, schon gar nicht auf die in der Nachbarschaft reagiert. Auf einmal pöbelt er an der Leine und am Gartenzaun, dabei hat man doch konsequent die Hundegruppen besucht, damit genau das nicht passiert.

In Internetforen, auf Seminaren und in den Beratungen der Hundeschulen oder auch in Tierarztpraxen geht es vorrangig um die Problematik des aggressiven Verhaltens gegenüber Artgenossen. Viele Hundebesitzer machen die leidvolle Erfahrung, daß der eigene Hund nun plötzlich doch nicht mehr mit allen spielen will, ganz im Gegenteil. Sehr oft müssen sie sich „Ausreden“ einfallen lassen, um einen Hundekontakt zu verhindern: „Mein Hund hat Flöhe“ ist bei überraschenden Begegnungen ein gern genommenes Argument, um den anderen Hundehalter zu veranlassen, seinen Hund zurück zu nehmen.

Was ist passiert? In den meisten Fällen war der Kontakt zu Artgenossen eine gut gemeinte Möglichkeit, soziales Verhalten zu erlernen. Dies wird in der Regel auch stattgefunden haben. Allerdings möglicherweise auf eine so nicht gemeinte Art und Weise. Schauen wir uns gemeinsam die Hintergründe an:

Der Wolf ist hochsozial und lebt biologisch gesehen in einem Familienverband mit Vater, Mutter und einigen Nachkommen zusammen. Dies ist eine wissenschaftliche Erkenntnis, zu der man gelangt ist, weil Forscher die Wölfe im Freiland und unter Gehegebedingungen jahrelang beobachtet haben.
Da der Hund vom Wolf abstammt, auch das ist inzwischen zweifelsfrei bewiesen, geht man davon aus, dass sein Verhalten in wesentlichen Merkmalen dem des Wolfes sehr ähnlich ist. Auch hat man bis vor einigen Jahren Hunde und Wolfs-Hund-Hybriden in ihrem Verhalten untersucht und ist zu der Erkenntnis gelangt, daß Hunde ebenfalls hochsozial miteinander sind. Auf dieser Grundlage sind die Vorgaben, Gesetze und Ideen des Soziallebens des Hundes entstanden. Diese Untersuchungen sind jedoch unter Gehegebedingungen entstanden – die Tiere hatte keine Möglichkeit, abzuwandern oder anders zu leben als gemeinsam im Gehege und dort soziales Verhalten zu zeigen.

Aktuelle Forschungen, die Hunde im Freiland bzw. wilde Hunde in ihrem Verhalten beobachten, bringen erstaunliche Erkenntnisse: So findet man wildlebende Hunde sowohl einzeln, als auch paarweise und in Kleingruppen. Doch auch diese Kleingruppen sind Zusammenschlüsse von Hunden, die nicht zwangsläufig miteinander verwandt sein müssen. Hündinnen sind häufig alleine oder mit ihrem Nachwuchs unterwegs, während die Rüden sich gegenseitig tolerieren, aber ansonsten nichts miteinander zu tun haben. Prosoziales Verhalten wie zum Beispiel gegenseitiges Fellknabbern oder Lecken der Ohren sieht man nur bei der Paarbildung, nicht aber in diesen „Rüden-Gruppen“, die eher einer Wohngemeinschaft ähneln als einem wirklichen Sozialverband.

Oft kann man sehen, dass einzelne Tiere sich zu mehreren an bestimmten Plätzen anfinden, weil dieser Ort für jedes einzelne Tier einen Vorteil verspricht: Schatten, Sicherheit oder Nahrung. Dennoch dulden sich die Tiere gegenseitig, solange genug Ressourcen für alle vorhanden sind. Aggressives Verhalten beschränkt sich in der Regel auf Drohen und Kommunikation, da körperliche Auseinandersetzungen auch immer die Gefahr bergen, selber verletzt zu werden. So ist jedes Tier bestrebt, Konflikte zu vermeiden bzw. kommunikativ schnell zu lösen. 
Soziales Verhalten mit Artgenossen beschränkt sich bei diesen Tieren auf die Paarung und die Erziehung des Nachwuchses, was im Gegensatz zum Wolf auch die Hündin alleine erledigt. 

Können diese Hunde ein Beispiel für unseren Haushund sein? Unbedingt, denn sie sind auf der Entwicklungslinie vom Wolf zum Rassehund viel dichter an unseren Haushunden als der Wolf. Außerdem machen diese wildlebenden Hunde 85% der gesamten Hundepopulation aus.
Wie ist das nun mit unserem Hund? Unsere Rassehunde – auch Mischlinge bestehen aus Rassehunden – sind in den letzten Jahrhunderten vor allem in Europa auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet worden. Der Mensch hat züchterisch selektiert, was er an Verhalten bzw. äußeren Merkmalen beim Hund haben wollte. So sind die unterschiedlichen Schläge und Rassen entstanden. Es hat also keine natürliche Selektion mehr stattgefunden, sondern eine vom Menschen gemachte. Ein wesentliches Merkmal ganz am Anfang dieser Reise war die Zahmheit der Hunde. Der Mensch nahm die zahmsten und die ihm am meisten zugewandten Tiere und vermehrte sie, um dann mit deren Nachkommen weiter zu vermehren. Da der Hund nicht nur dem Menschen gegenüber zahm sein sollte, sondern möglichst auch freundlich und auch dem menschlichen Nachwuchs gegenüber nicht aggressiv und zudem Menschen die Hunde auch zum Schutz des Eigentums und zur Jagd einsetzten, war es absolut notwendig, dass der Hund sich dem Menschen gegenüber kooperativ verhält. Also wurde auch auf soziales Verhalten dem Menschen gegenüber und Kooperationsfähigkeit gezüchtet.
In den letzten ca. 50 Jahren wurde weniger auf Verhalten gezüchtet, als vielmehr auf Aussehen. So sind unsere Rassehunde entstanden.
Halten wir fest: Der Wildhund lebt eher solitär und für sich, er zeigt gegenüber Artgenossen weniger interaktives Sozialverhalten als vielmehr passive Akzeptanz. Es kommt weniger zu aggressivem Verhalten, wenn Futter ausreichend vorhanden ist und genug Platz zum Ausweichen. Flucht wird dem Angriff vorgezogen. Dabei ist der Wildhund häufig dem Menschen zugewandt bzw. lebt in seiner Nähe, da dort Nahrung zu finden ist.

Unser Rassehund trägt dieses Erbe in sich: Dort, aber auch nur da, wo es einen Vorteil bringt, sich mit Artgenossen oder dem Menschen zusammen zu schließen. In Bezug auf die Verteidigung von Ressourcen kann sich unser Hund durchaus leisten, aggressiv aufzutreten, da er nicht der natürlichen Auslese unterliegt.
Möglicherweise liegt hier der Schlüssel, zu verstehen, warum unsere Hunde sich im erwachsenen Alter nicht so sozial verhalten, wie wir es erwarten würden: Denkbar wäre, dass man die Hunde vielleicht mit all dem, was wir so tun, schlicht überfordern: Nehmen wir zum Beispiel die täglichen Gassigänge, bei denen sie jederzeit Artgenossen wahrnehmen. Der Hund ist im Konflikt, denn natürlicherweise würde er das Gebiet meiden, die Kommunikation mit Artgenossen würde weniger von Angesicht zu Angesicht als vielmehr über Geruchsmarkierungen stattfinden. Nun trifft man aber die Artgenossen auf der Hundewiese oder auf der Strasse und muss Strategien entwickeln, damit klar zu kommen. Zudem ist der eigene Mensch dabei – eine wichtige zu verteidigende Ressource. Und wir müssen uns fragen, ob das, was wir bei Hunden Spiel nennen, auch wirklich Spiel ist oder vielmehr das Klären von Beziehungen zueinander, obwohl man sich eigentlich lieber aus dem Weg gehen würde.

Aus den akutellen Beobachtungen und Forschungen können wir folgende Schlüsse ziehen: Der Hund lebt weniger hochsozial als wir dachten. Er passt sich an, entwickelt Strategien, wenn er mit Artgenossen zusammentrifft. Ob es sich dabei um Spiel handelt, ist fraglich. Grundsätzlich würden sich fremnde Hunde vermutlich aus dem Weg gehen, außer der Kontakt verspricht einen Vorteil. Vorteile könnten sein, sich fortzupflanzen, gemeinsam für Sicherheit zu sorgen oder zusammen Beute zu machen. Dafür muß man als Hund die Qualitäten des anderen kennenlernen, was über körperliche Interaktionen erfolgt. Ist der andere von Vorteil und damit als Gruppenmitglied akzeptiert, dann kann man prosoziale Interaktionen wie gegenseitige Fellpflege und Kontaktliegen sehen. Dies kann man oft sehen bei Hunden, die in einem Haushalt zusammenleben. Diese Verbindung hält in der Regel ein Leben lang und wird auch gegen externe Artgenossen verteidigt. Stirbt der Partner, wird sichtbar getrauert. Hunde, die sich „zufällig“ draußen begegnen, binden sich nicht auf diese Art und Weise aneinander.

Fazit: Hunde brauchen ihresgleichen in stabilen, nicht wechselnden Beziehungen. Der Besuch auf der Hundewiese z.B. oder auch Alltagssituationen, in denen der Hund auf andere und fremde Artgenossen trifft, ist nach meinem heutigen Kenntnisstand etwas, das der Hund biologisch nicht nachvollziehen kann, womit er irgendwie zurecht kommen muss und entsprechendes Abwehrverhalten entwickelt, um Distanz zu schaffen. Es gibt als biologische Gruppe für den Hund nur die Familie bzw. menschliche Ersatzfamilie. Wir sollten uns überlegen, in welche Situationen wir unsere Hunde bringen und ob es nicht eher unser eigener Wunsch ist, in Kontakt mit anderen Menschen zu kommen. Für mich und meinen Hund gilt bei Hundekontakten: Bekannt und Beliebt – wenn das gegeben ist, darf mein Hund gerne Kontakt haben.

Susanne Last ist im Hamburger Raum seit mehr als 10 Jahren als Tierheilpraktikerin mit Schwerpunkt auf Verhaltensberatung für Hund, Katze und Pferd aktiv. Sie ist zertifiziert durch die Tierärztekammern Schleswig-Holstein und Niedersachsen und hält europaweit und in der Schweiz Vorträge zum Thema Hunde-Verhalten und das wilde Leben der Straßenhunde. Seit zwei Jahren führt sie regelmäßig eigene Beobachtungen an Straßenhunden in Asien durch. Aktuell studiert sie in Hamburg Psychologie, um die Erkenntnisse im Bereich Tierpsychologie wissenschaftlich fundiert zu ergänzen. Sie lebt in Schleswig-Holstein mit ihrer Familie, dem Australien Shepherd Rüden Jomo, drei Katzen, einer Hühnerschar und ihrem Pferd Sam zusammen.
www.animal-coaching.de

Nachträgliche Anmerkung zum Thema "Unerwünschte Kontakte"
Was mich immer wieder wundert, ist dass stets davon ausgegangen wird, dass der Hund Sozialkontakt zu Artgenossen "wünscht" bzw. "braucht". Darin sehe ich vielmehr die Ursache der Missstände (Aggression, Verletzungen): Dass der Hund ein hochsoziales Tier ist, wird überall "gepredigt" und daher unbedingt Kontakt zu Artgenossen bräuchte. Diese Erkenntnis bzw. dieses "Gesetz" basiert auf Beobachtungen von Hunden unter Gehegebedingungen, die man zusammengepfercht hat, um ihr mimisches Ausdrucksverhalten zu studieren. Nicht um herauszufinden, wie sozial sie eigentlich leben wollen würden, man hat vorausgesetzt, sie seien hochsozial, weil der Wolf es ja auch ist...Das ist wie vom Affen auf den Menschen zu schliessen und davon auszugehen, Menschen würden gerne auf Bäumen leben. Die Hunde hatten keine Wahl und haben sie auch heute nicht. Aus den Beobachtungen, dass die Hunde irgendwie zurecht kamen dann zu schließen, der Hund sei hochsozial und bräuchte seinesgleichen ohne irgendwelche Einschränkungen hinsichtlich der Qualität und Quantität zu machen, halte ich für einen unglaublichen Irrtum. Hunde brauchen ihresgleichen temporär für den Erhalt der Art und ihrer eigenen Gene. Für alles andere (Nahrungssuche, Sicherheitsgewähr) brauchen sie sich nicht, jedenfalls nicht in der Intensität, wie wir meinen. Und noch eins: Was bei den Beobachtungen und ethologischen Untersuchungen und ihrem Übertrag auf unsere Hunde heute ebenfalls nicht beachtet wurde und wird, war und ist die Bedeutung des Menschen während der Rassehundezucht. Hat der Hund nicht vielmehr den Artgenossen gegen den Menschen als Sozialpartner eintauschen müssen? Nicht neue/andere/mehr Gesetze würden helfen, sondern eine grundsätzlich andere Einstellung und entsprechendes Wissen über das wirkliche Leben der Hunde und nicht das, was wir gerne in ihnen sehen wollen.