Wer bist Du ...Hund?

Eine liebe Kundin von mir, Nicole, die hat einen Satz geprägt, der mir oft in Erstgesprächen in den Sinn kommt. Nicole hat zwei Hunde aus dem Tierschutz, über die sie heute sagt: Paul könnte auch gut ohne Lotte leben, aber sicher nicht ohne mich. Lotte hingegen könnte noch viel mehr Paules in ihr Leben nehmen. Es würde ihr gefallen, die Rüden dann gegeneinander auszuspielen, zu kokettieren und sich in ihrem Licht zu sonnen. Paul ist mehr der Typ Einzelgänger, kuschelt sich gerne an Frauchen und liegt gerne alleine in der Sonne. Auch bei der Nahrungssuche ist er gerne für sich und braucht überhaupt keine anderen Hunde oder Menschen.
Beide Hunde sind Terriermischlinge, beide stammen aus Südeuropa und beide sind in ihren Bedürfnissen und ihrem Verhalten sehr verschieden.

Wie kommt das, es sind doch beides Terrier und bestimmte Eigenschaften werden doch mit den Genen der Elterntiere an die Jungtiere weitergegeben, Rassenmerkmale halte sich über viele Generationen...

Sicher gibt es auch Gemeinsamkeiten von Lotte und Paul: Sie mögen beide gerne Futter und dieses auch nicht gerne mit dem anderen teilen. Sie sind beide ressourcenverliebt und bewegungsfreudig. Sie toben gerne und mögen es auch, Dinge mit der Nase zu suchen und zu finden. Teamplay ist nicht so ihres, Lotte "benutzt" andere Hunde gerne, um ihr Ego aufzupolieren und Paul ist ein charmanter, unauffälliger Begleiter von Frauchen, der alles dafür tun würde, ihr Gefallen zu bereiten.

Zugegeben: Die obige Beschreibung ist sehr blumig, vermenschlichend geschrieben und doch macht sie klar, dass die Persönlichkeitsmerkmale von Hunden sehr individuell verteilt sind. Wenn Besitzer ihre Hunde beschreiben, kommen sie an Adjektiven aus dem Bereich der Emotionen nicht vorbei. Dies erklärt sich mit dem jahrhundertelangen Zusammenleben und der Enge der Verbindung mit dem Hund. Dies findet man erst Recht in unserer heutigen Zeit, da wir es uns leisten können, dem Hund menschliches Empfinden und eine ähnliche Beziehungsstuktur zuzugestehen, was noch vor einigen Jahrzehnten sehr verpönt war und strikt abgelehnt wurde: Der Hund funktionierte wie eine Maschine, denken konnte nur, wer über Sprache verfügt und Emotionen wollte und konnte man Tieren in der industriellen Massentierhaltung nicht gebrauchen.

Heute weiss die Wissenschaft viel mehr über Hunde - Dinge, die die Tierbesitzer schon längst ahnten, werden von ihr untersucht und bestätigt.
Der Hund (und andere Tierarten auch) verfügt über eine grosse Ähnlichkeit in seinem Denken, Fühlen und Handeln wie wir Menschen auch. So liegt der Versuch nahe, dem Hund auch unterschiedliche Persönlichkeitsmuster zuzugestehen.

Es gab in der Vergangenheit einige Versuche, die Persönlichkeitsmerkmale von Hunden zu klassifizieren. Angefangen von einer Aufteilung in A- und B-Typen: A meint den aktiven, hibbeligen, manchmal nervigen Hund, der nicht genug von irgendwas bekommen kann, aber sein Leben in solcher Energieverschwendung verbringt, dass seine Lebenszeit dadurch reduziert ist. Während der B-Typ hingegen eher gemächlich und energetisch haushaltend mit seinen Reserven umgeht. Bevor er sich bewegt oder aktiv wird, hält er erstmal aus und wartet ab.

Zurück zu Lotte und Paul. Wer hier A und wer hier B ist, ist wohl klar.

Wir alle kennen solche Hunde und haben sofort ein Bild vor Augen von ihnen. Doch ist das alles? Kann man Menschen auch in A und B einteilen? Mitnichten. Denn es gibt sowohl von Lotte als auch von Paul noch sehr viele feinere Nuancen, in denen sich die Hunde unterscheiden. Es gibt unter den Lottes dieser Welt welche, bei denen z.B. situativ die Reaktion unterschiedlich ausgeprägt in Erscheinung treten. Oder Lottes, bei denen nicht die Situation entscheidet, sondern der Kontext. Oder Lottes, bei denen sich von Generation zu Generation die Reaktionsmuster ändern. Bei anderen A-Typen nimmt die Ernährung über Epigenetische Mechanismen Einfluss auf das Verhalten.

Wir sehen - das Ganze ist deutlich vielgestaltiger als auf den ersten Blick scheint. Und es spielen jede Menge weiterer Einflüsse eine Rolle, nicht nur die Genetik oder die Epigenetik, sondern auch der Umgang, die Haltungssituation und die Beziehungsqualitäten zu anderen Lebewesen, nicht zuletzt auch dem Menschen.

Die schlechte Nachricht: Es gibt nicht "den" Hund mit "den" Eigenschaften. So kann man es sich nicht einfach machen und sagen: "Das ist ein Hütehund, der funktioniert so."
Die gute Botschaft: Erlebe dieses Abenteuer, diesen Deinen Hund kennenzulernen, seine Eigenheiten zu erfahren und eine Beziehung einzugehen. Dann wirst Du vielmehr das Erlebnis einer fantastischen Beziehung geschenkt bekommen und gleichzeitig viel über Hunde allgemein und Deinen Hund im Speziellen erfahren.

Keiner ist wie alle und keiner ist so wie dieser!

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