Samstag, 15. Juni 2019

Hilfe - mein Hund wird gemobbt!

Auf der Hitliste der Hundeprobleme taucht an oberster Stelle immer und immer wieder das Thema Aggression vor allem gegenüber Artgenossen auf. Mal sind es Ressourcen wie Futter, Spielzeug, der eigene Mensch, das eigene Grundstück oder Wasser, welches verteidigt wird, häufig ist es aber auch die Leine, an der gezerrt und herumgepöbelt wird: Die sogenannte Leinenaggression.
Besonders beliebt als Objekt der Konfrontation sind gleichgeschlechtliche Artgenossen, noch besser sind die aus der unmittelbaren Nachbarschaft und ganz toll, wenn sie auch noch in einem Alter sind, dass man ordentlich auf den Putz hauen kann, ohne selber in Gefahr zu kommen - man kann erfolgreich beeindrucken. Das fühlt sich ab einem bestimmten Zeitpunkt auch ziemlich gut an. Ausserdem kann es sich der moderne Haushund im Gegensatz zum freilebenden Strassenhund leisten, gewisse Risiken einzugehen. Wird er bei einem Angriff verletzt, schleppt ihn der Besitzer zum Tierarzt und lässt ihn wieder zusammenflicken.
Nun gibt es Immer zwei Seiten der Medaille: Den Angreifer und den Verteidiger. Hat man einen Hund der ersten Kategorie, dann gibt es Hundehalter, denen das unangemessene Verhalten ihres Hundes Sorgen bereitet. Sie arbeiten daran, dass der Hund nicht ständig unangenehm auffällt. Es gibt aber auch Menschen, die es irgendwie cool zu finden scheinen und deren Empathie nicht ausreicht, sich vorstellen zu können, dass andere Menschen und Hunde das aggressive Verhalten nicht cool finden. Diese Hundehalter gehen in der Regel relativ gelassen mit der Situation um, von ihnen hört man gerne: "Das regeln die unter sich!" oder auch "Der tut nichts, will nur spielen!" oder "Bisher ist noch nie was passiert!"  Vielleicht sind sie auch einfach nur naiv.

Die Hundehalter jedoch, die einen Hund haben, der irgendwie mehr oder weniger ständig von anderen angeblafft oder gar attackiert wird, sind in ihrer Handlungsfähigkeit deutlich eingeschränkt. Sie haben wenig Möglichkeiten dazu, das Verhalten ihres Hundes nachhaltig zu beeinflussen. Auch die Trainierbarkeit im Sinne von Gewöhnung, positiver Verstärkung, Ablenkung, Zeigen und Benennen, Holding, Habituierung und was die Trainingskiste alles bereit hält..., ist im Alltag nicht umsetzbar, weil immer und immer wieder Situationen entstehen, die das bis dahin erreichte Training unbrauchbar machen.

So finde ich bei Facebook in einer Hundetrainergruppe die Schilderung von einem 1,5 Jahre alten intakten Rüden einer Hütehunderasse. Er wird als sensibel und tendenziell unsicher beschrieben, was für Hütehunde dieser Rasse nichts Ungewöhnliches ist. Weiterhin schreibt der Postersteller, dass der Hund immer wieder attackiert wird und zwar im Kontakt mit Artgenossen. Gefragt wird nach den Ursachen mit dem Hinweis darauf, dass der Hund einen "Opferblick" zeigen würde.

Bei den Antworten wird zunächst der "Opferblick" erklärt als das "fixierende" Auge, welches bei Hütehunden zum normalen Hüteverhalten gehören würde. Es sei ein Missverständnis, wenn der Hund diesen Blick gegenüber Artgenossen und nicht gegenüber Beutetieren zeigen würde und der andere Hund fühle sich dadurch provoziert. 
Daraufhin erklärt der Postersteller, dass dieser Rüde eher den Blick vermeiden würde als denn fixieren.
Eine zusätzliche Idee war, ob denn seine blauen Augen die Ursache sein könnten.

Idee Nummer zwei sind gesundheitliche Aspekte, auf die die anderen Hunde reagieren würden. Diese würden "spüren", dass mit dem Hund etwas nicht stimmt und daher auf ihn aggressiv reagieren.

Antwort Nummer drei geht in Richtung Persönlichkeitsmerkmal. Es würde halt so Typen geben, die nur "nett und sensibel" seien. Andere Hunde würden das ausnutzen, ihr Ego aufzupolieren und Frust abzulassen.

Immerhin führt diese Anwortidee dazu, dass nachgefragt wird, ob es eine Option gibt, das Selbstbewusstsein des Hundes aufzubauen oder ob er ein Leben lang dazu verdammt sein würde, in der Opferrolle zu verbleiben.

Die Antwortideen gehen interessanterweise alle in die gleiche Richtung: Der Fehler liegt im Hund selber: entweder ist es seine Jagdspezifität (Hüteverhalten) oder seine Gesundheit oder seine Persönlichkeit.

Doch im Szenario  "zwei Hunde mit ihren Menschen treffen an einem Ort aufeinander und es kommt zu aggressivem Verhalten", haben wir deutlich mehr Variablen als nur Merkmale des Opferhundes: 1. der Ort (in seiner Beschaffenheit und Bedeutung als Ressource, da es für den Hund gefühlt zum eigenen Territorium zählt), 2. mindestens zwei Besitzerpersönlichkeiten und ihr Verhalten, Beziehungsqualität zum eigenen Hund etc., 3. Persönlichkeit und Gesundheit beider Hunde, 4. die Vorgeschichte beider Hunde  5. andere Lebewesen in der Umgebung, 6. Nähe zum jeweiligen Kerngebiet des jeweiligen Hundes, 7. Futter oder andere Ressourcen (Ball, Dummy, Frisbee) beim jeweiligen Besitzer, 8.hormonelle Situation beider Hunde inkl. Stressbelastungen, 9.Lebensabschnitt beider Hunde und nicht zu vergessen: die Vorerfahrungen jeden einzelnen Hundes und bestimmt habe ich jetzt noch ganz viele andere Dinge vergessen...


Und zu guter Letzt sollte man auch einmal darüber nachdenken, dass es für Hunde eigentlich normal ist, sich NICHT vis-á-vis zu treffen, sondern per Geruchsmarkierungen zu kommunizieren und sich an diesem Ort besser nicht face-to-face zu begegnen.

Meine ganz persönliche Erklärung für das Entstehen von solchen Konfliktsituationen sieht so aus: Der 1,5 jährige Rüde hat längst verstanden, wer in seiner Umgebung lebt und dass er "kleine Brötchen" zu backen hat, weil das Gebiet von anderen (Rüden) bereits besetzt (markiert) ist und diese auch den Anspruch an die dort lebenden Hündinnen haben. Immerhin geht es biologisch immer um die Fortpflanzung. 
Es steht ihm in seinem Alter nicht zu, hier Marker zu setzen. Ihm bleibt aber nichts Anderes übrig, weil sein Sozialpartner Mensch (ich bin geneigt, hier zu schreiben ASozialpartner Mensch) ihn ständig wieder in die Situation bringt, eine Markierung zu hinterlassen, Mensch nennt das Gassigehen. Solche Hunde werden u.a. als unsicher bezeichnet, weil sie lange brauchen, ihren Kot abzusetzen und dies in der Regel auch nur fernab im Gebüsch tun. Der unsichere Hund hat ein Bewusstsein dafür, dass es eine Provokation ist, er hat aber keine Wahl. Markierungen sind Kommunikation! Die anderen Rüden nehmen diese Information auf, berücksichtigen aber dabei natürlich NICHT, dass es eigentlich keine Absicht war. Entsprechend reagieren sie auf den Hund, wenn sie ihn dann treffen: Ist doch klar, wenn jemand meine Aufforderung, fern zu bleiben, mein Gebiet nicht zu betreten, ständig ignoriert und ich treffe ihn dann, dann knallt es! Und zwar unmissverständlich. Da nützt es auch nichts, wenn er dann den Blick abwendet und sich devot "unterwirft" - zu spät!

Ich persönlich gehe davon aus, dass die meisten Probleme, die allgemein mit Hunden bestehen, verschwinden würden, wenn wir uns bewusst machen würden, in welche Situationen wir unsere Hunde bringen und welche Konsequenzen das auch für die Beziehung zu uns hat.