Sonntag, 9. Dezember 2018

Hauptsache die Flexi hält oder...warum die Leine alleine nicht die Lösung ist

Es ist doch eigentlich selbstverständlich, dass man bei einem Hund, bei dem der Rückruf nicht klappt, wohl besser die Leine dran haben sollte. Zumindest aus Respekt gegenüber anderen Hundehaltern, sobald diese mit ihrem angeleinten Hund ins Sichtfeld kommen. Oder aus Respekt gegenüber anderen Menschen, die vielleicht Angst vor Hunden haben. Oder aus Respekt gegenüber Wildtieren, die nicht gerne gejagt werden wollen. Mal ganz abgesehen von gesetzlichen Bestimmungen.

So treffe ich - wie viele andere Hundehalter in Deutschland auch - regelmäßig auf frei laufende Tut-nixe, die ihren Job als Vorhut und Abklärer gewissenhaft für ihren Menschen erledigen. Diese Hunde haben wenig Ahnung davon und noch weniger Verständnis dafür, dass es auch Situationen im Leben eines Artgenossen geben kann, in denen ein Kontakt unerwünscht ist. Ich als Hundehalter erhebe zudem den Anspruch, dass ich selber entscheiden möchte, ob und wenn ja zu wem mein Hund Kontakt hat.
Nun denn, die Situationen, in denen Tut-nixe mit ihren Tut-nix-Herrschaften einem den Tag versauen können, kennt jeder zur Genüge. Ebenso wie die gesamte Palette von Massnahmen, um solch unerwünschte Kontakte rechtzeitig abzubrechen, zu verhindern oder umzulenken. Zum Beispiel, indem man dem anderen Hund Leckerchen hinwirft, einen Regenschirm aufspannt, eine Wurfschelle oder Wasserflasche zum Einsatz bringt oder schlicht behauptet, der eigene Hund hätte einen Magen-Darm-Infekt, um nur einige Beispiele der Feindabwehr zu nennen.
Nun hatte ich letzte Woche wieder solch eine Situation, in der der vor mir und meinem Hund laufende Labbi-Jungspund immerhin die zwischen uns liegende Distanz von geschätzten 150 m voll ausnutzte, um mit Anlauf in uns rein zu brettern. Frauchens frohlockendes Stimmchen schaffte es ab Meter 15 nicht mehr in seinen Gehörgang einzudringen. Impulskontrolle? Fehlanzeige! So galoppierte Mr.Hochstapler in gefühlter Überschallgeschwindigkeit auf mich und meinen nach einer OP in Reha befindlichen Hund zu. Wenn mein Hund derzeit eines nicht braucht, dann sind es Artgenossenkontakte und Tobereien. Ich konnte zumindest die Dynamik etwas abbremsen, indem ich mich vor meinen Hund stellte. Da mein Hund einer der wenigen mit so gar keiner Artgenossenproblematik ist (dafür hat er andere Baustellen), musste ich nur verhindern, dass es zu einer unangemessenen Bewegungsparty kommt. Und nur, weil nix passiert ist, heisst es ja nicht, dass die Situation in Ordnung war. 

Dass jedoch eine Leine doch nicht das Heilmittel der Wahl ist, musste ich heute erfahren. Heute war das Wetter saumässig, genau richtig, um mit dem Hund seine Reha-Bewegungs-Einheit in die freie Natur zu verlegen, ohne Gefahr zu laufen, viele Tut-nixe zu treffen. Also los. An einer Stelle musste ich ein Stück vielbefahrener Landstraße entlang gehen. Auf der andere Strassenseite lief eine weiße Schäfermischlingshündin mit ihrem Herrchen an der Flexibömmel. Wie gesagt: zwischen uns die Landstraße. Mit einem Mal sprang die Hündin mit Getöse in die Leine in Richtung von mir und meinem Hund. Ich hatte Sorge, daß die Flexi reissen könnte, doch stattdessen knallte die Hündin voll ins Halsband, genau in dem Moment, als Herrchen die Flexi auf Stop stellte. Die Flexi hielt. Doch der Rückschlag des Stopps wirbelte die Hündin um 180 Grad herum, so dass sie mit dem Kopf von uns weg in entgegengesetzte Richtung schaute. Verwirrt und wohl auch schleudertraumatisiert, schaute sie ihr Herrchen an, der in aller Ruhe an der Flexileine herumnästelte. Da fiel es mir auf: Durch den Ruck war das Halsband der Hündin auf gegangen. Sie war frei.

Gut, die Flexi hat gehalten, das Halsband nicht. Das hätte richtig ins Auge gehen können, denn noch bevor die Hündin sich vermutlich auf meinen Hund gestürzt hätte, wäre sie von einem Auto erfasst worden.

Die Lösung für das Problem der Artgenossenunverträglichkeit kann also nicht durch noch mehr Material gelöst werden. Das Problem der Artgenossenunverträglichkeit sollte therapeutisch angegangen werden oder besser noch: prophylaktisch, indem man sich Gedanken darüber macht, wie es sein kann, dass eine Vielzahl der Hunde, deren Besitzer sich - meistens jedenfalls - wahrhaftig Gedanken gemacht haben und Hundeschulen besuchten, trotzdem eine Leinenaggression entwickeln. Besteht da möglicherweise ein Zusammenhang? Ist das Sozialisieren in Wirklichkeit gar keine Sozialisierung, sondern wird vom Hund als eine Chance genutzt, eigenständig Strategien zu entwickeln, mit Artgenossen umzugehen (und nicht - wie beabsichtig - klarzukommen!)? Und was ist das Gassi gehen in den Augen des Hundes? Vielleicht eine Kommunikation mit Artgenossen in der Art von: "Ich war hier und wehe ich treffe Dich!" ? Wozu dienen denn Territoriumsmarkierungen? Sie haben doch den Zweck der Abgrenzung und sind eigentlich von der Natur eine tolle Einrichtung, um konfliktfrei und ohne direkte Konfrontation zu klären, wann wer wo sein darf.
Wir sollten Hunde nicht ständig wieder in Situationen bringen, in denen sie meinen, sich wehren oder angreifen zu müssen. Wir sollten nicht länger an der Wirkung oder dem Problemverhalten selber manipulieren, sondern an die Ursache gehen. Doch dafür müssen wir das biologische Wesen des Hundes begreifen und nicht egoistisch unsere Bedürfnisse in den Vordergrund und über die des Hundes stellen. Und dafür muss man ab und zu mal ausgetretene Pfade verlassen und sich gegen des Strom stellen. Nur weil alle das so schon immer gemacht haben, können alle auch schon immer auf einem Irrweg gewesen sein. Fakt ist: Es gab nie mehr Hundeschulen als heute, Wissen war nie so leicht zugänglich wie in den Zeiten des Internets und nie war es mühsamer, mit dem eigenen Hund ungestört unterwegs zu sein, nie war die Gesellschaft von Hunden und ihrem Verhalten (oft zu Recht) genervter als heute. Wir sollten umdenken...oder wenigstens anfangen nachzudenken.

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