Samstag, 26. Mai 2018

So hab` ich mir das aber nicht vorgestellt...

Als ich mich entschieden hatte, ein Hund solle einziehen, war schon ziemlich viel abgefrühstückt in unserer Familie: Die Kinder waren altersmäßig im zweistelligen Bereich und hatten durch jahrelange Haustierhaltung von Katzen, Meerschweinchen, Wellensittichen, Fischen und Zwergkaninchen gelernt, daß man für Tiere Verantwortung übernehmen muss. Wir hatten in der Vergangenheit stets eigene Behausungen für die Tiere gebaut, Vogelvolieren, Außengehege und Schutzhäuser gehörten genauso zum Beschäftigungsprogramm wie der regelmäßige Besuch von Wildparks und Biobauernhöfen. Sogar einen Film über artgerechte Meerschweinchenhaltung haben wir gedreht, der kindgerecht von meinen beiden Sprösslingen als Moderator und Sprecher erklärt, wie Meerschweinchen leben möchten.
Ich selber war von Kindesbeinen an mit Tierverhaltensbeobachtungen aufgewachsen, und mein ganzes Leben drehte sich um Tiere, allen voran Hunde, Pferde und Katzen. Noch dazu hatte ich eine Ausbildung als Tierheilpraktikerin absolviert, die mir zusätzlich noch medizinisches Grundlagenwissen und die Naturheilkunde vermittelt hatte. Eine Ausbildung im natural Horsemanship sowie Kenntnisse der Bodenarbeit mit Pferden und ein eigenes Buch über Gelassenheitstraining für Pferde rundeten unsere familiäre Qualifikation ab. Die Voraussetzungen für einen Hund waren meiner Meinung nach mehr als gegeben und so reifte die Entscheidung und Suche nach einem geeigneten Hund heran.
Bei uns im Stall gab es eine Aussiehündin, blue merle in der Farbe, die IMMER an der Seite ihrer Besitzerin war. Egal ob diese das Pferd putzte oder ausritt. So war meine Vorstellung von meinem Hund – immer an meiner Seite, so wie Lassie und Bessy. Ich hatte keinen Zweifel, daß es so sein würde.
Auch in den Urlaub sollte uns der Hund begleiten, waren wir doch oft mit dem Wohnwagen unterwegs und an den Wochenenden auf Westernturnieren...Ein Traum...
Meine Idee dahinter war, mir einen langgehegten Kindheitstraum endlich zu erfüllen. Meine Eltern hatten mich immer hingehalten und letztlich die Umsetzung verwährt. So blieb mir als Kind nichts anderes übrig, als bei jeder Gelegenheit mit meinem kleinen Klappfahrrad fünfjährig in den Großhansdorfer Wald „Raue Berge“ zu radeln und im Tierheim Großhansdorf herumzulungern. Nachmittags führte ich die Nachbarshunde Gassi oder sammelte entlaufene oder entflogene Tiere ein. Meine Kinder sollten es besser haben, sie sollten lernen, wie Tiere und nun auch ein Hund sich verhalten und wie man ihre Bedürfnisse erfüllen könnte. Wieviel Spaß es machen würde, mit dem Hund unterwegs zu sein, Abenteuer zu erleben. Im Kopf hatte ich dabei Bilder von Lassie aus dem Fernsehen, Pippi Langstrumpf und ihrem Pferd, Flipper und seiner Beziehung zu dem Jungen Sandy und das Comic mit Bessy und ihrem Cowboy Andy. Ein Pferd hatte ich schon, welches natürlich auch fit in Bodenarbeit war und mich gelassen durchs Gelände und auf Shows trug. So träumte ich von gemeinsamen Ausritten mit Hund und Pferd, hatte einen Hund im Kopf, der weder jagt, noch auf eigene Ideen käme. Ja, es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, daß es vielleicht die Option gäbe, daß er eigene Ideen hätte.

So entschied ich mich – eine Hündin, Blue Merle und ein Aussie sollte es sein. Welch ein schönes Bild: Schwarzes Pferd, bunter Hund und wir zusammen in der Prüfung „Horse and Dog-Trail“! Und wenn der Hund nicht mit mir und Pferd unterwegs war, dann konnte er ein toller Spielkamerad für die Kinder sein. Wir hatten einen großen Garten mit einer Spießers-Glück-Doppelhaushälfte gemietet und Pläne, ein Eigenheim auf einem Resthof oder mindestens großem Grundstück erwerben zu wollen.
Ja, das war so. Ganz ehrlich; das war meine Idee vom Hund.
Die Desillusionierung begann schon bei der Suche und Auswahl. Erst war es ein Welpe aus einer Ebay Kleinanzeige, der mir ins Auge stach. Allerdings war sie kein Aussie, sondern ein Mix aus Labbi und Cattle Dog und sie war auch nicht merle-farbig, sondern schwarz, genau genommen war sie laut telefonischer Auskunft der "Züchterin" auch keine Hündin... Egal, Kompromisse muss man eingehen. anyway, mein Sohn Philip und ich fuhren trotzdem hin, um die Welpen anzusehen: Eine Horde von kotzenden und Durchfall habenden kleinen Fellknäueln mit aufgeblähten Bäuchen und wohnhaft in einem Gartenhaus mit einer vollkommen überforderten Mutterhündin. Außerdem erkannte ich beim Anblick des von mir gewählten Welpen, daß es sich ganz offensichtlich doch um eine Hündin handelte, was die „Züchterin“ erstaunt zur Kenntnis nahm. Die Welpen waren 6 Wochen alt und sollten schnellstmöglich abgegeben werden (lt. Tierschutzgesetz verboten). Es war sehr desillusionierend und kein schöner Anblick, daß es den Welpen offenbar schlecht ging. 
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
So besuchte ich eine Züchterin in Mölln, bei der ich mir eine Hündin zwar, aber in der Farbe Black-tri ausgesucht hatte. Britta prüfte mich auf Herz und Niere, wollte mir aber diese Hündin nicht geben, da ich Ersthundebesitzer war und sie meinte, sie sei zu anspruchsvoll. Während des Besuches bekam ich zu dieser Hündin auch nicht wirklich einen Draht, so entschied ich mich für einen anderen Hund ihres Wurfes: Einen Black-tri Rüden, statt einer merle Hündin.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Der Tag kam, ich holte den kleinen Fratz mit einer Freundin zusammen ab und es zerriß mir das Herz, daß er so weinte...Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil er so klein und zart war und ich – selber Mutter von zwei Kindern – nur erahnen konnte, was das mit so einem kleinen Kerl macht...
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Die Welpenzeit verlief geplant und anstrengend, er zernagte mir Stuhlbeine, pinkelte ins Wohnzimmer und verbellte den Nachbarn am Gartenzaun. Er rannte im Wald hinter Rehen her, kaum daß er fünf Monte alt war und buddelte im Garten Löcher unter das Kaninchengehege. Er jagte die Katzen im Haus und draußen, schnappte nach Kinderhänden, die ihn streicheln wollten und motzte Besucher an. Er hatte Magen-Darm-Infekte mit Brechdurchfall und Zwingerhusten. Im Urlaub konnte ich nicht Skifahren, weil er im Hotelzimmer nicht alleine bleiben wollte und die ganze Hütte zusammenjaulte. Auf Gassigängen motzte er Artgenossen an und entwickelte eine satte Leinenaggression. Ins Wasser ging er nicht, pöbelte aber vom Ufer aus die Enten an. In der Hundeschule langweilte er sich schnell, machte nur Blödsinn und hütete die anderen Hunde. Kurzum – er brachte mich schnell an meine Grenzen. Abends ging er über Tische und Bänke, sprang auf dem Sofa herum und kaute auf meinen Fingern herum, wenn ich ihn einsammelte. Nachts hechelte er mich wach und ließ mich tagsüber nicht aus den Augen. Nur das Autofahren klappte...am Anfang noch. Irgendwann auch das nicht mehr.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Wenn ich in den Stall zu meinem Pferd fuhr, hatte ich ihn stets dabei. Es sollte normal für ihn sein. Auch im Stall erfuhr er als Welpe viel Aufmerksamkeit, alle waren außer Rand und Band, wenn er aus dem Auto hüpfte. Er sollte viel positive Erfahrungen mit Menschen sammeln, also ließ ich zu, daß er zu allen hinlief. Nicht ahnend, daß es von ihm anders interpretiert werden könnte. Er war in der Box im Roundpen, wenn ich mein Pferd laufen ließ. Das konnte er nicht gut aushalten, also verbrachte ich ihn ins Auto, wo er warten musste, bis ich fertig war. So nahm ich ihn dann mit auf Spaziergänge mit dem Pferd, damit er sich daran gewöhnen könnte, neben dem Pferd herzulaufen. Unglücklicherweise kam es dabei zu einem zugegebenermaßen unbeabsichtigten Zusammenstoß zwischen Pferd und Hund, damit war das Thema „Hund läuft neben Pferd her“ auch gegessen. Er hatte ab da mördermäßigen Stress, in der Nähe von Pferden zu sein.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Überhaupt – Stress – zunehmend mehr stellte ich fest, daß bestimmte Situationen offenbar nicht gut für ihn sind: Dazu gehörten viele der von mir gut gemeinten Aktivitäten wie Kontakte zu Artgenossen, Gassigänge, Mantrailing, Treibball und Hetzangel. Er fuhr schnell hoch, war hektisch und unkoordiniert und kam lange nach dem Training nicht mehr zur Ruhe. Seine Ansprechbarkeit und Koordination, sowie sein Körpergefühl waren gestört und anfassen ließ er sich auch von mir nur ungern. Mit fremden Menschen hatte er Probleme, war skeptisch und territorial, verbellte auch aus dem Auto heraus. Unzählige Besuche von Seminaren und Hundeschuleinheiten vermochten manches Problem zu vermindern, andere schienen unbeeinflussbar. Letztlich führte der Dauerstress zu einer Futtermittelallergie und einer Anfälligkeit für Magenschleimhautreizungen - eine Folge von Stress. Seine Skepsis gegenüber Menschen blieb, während er mit Artgenossen gut klar kam.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Wie ist das mit unseren Vorstellungen? Können wir uns überhaupt vorstellen, wie etwas ist, was wir noch nicht erlebt haben? 

Als Kinder haben wir eine Vorstellung, wie wir später mal leben könnten, was wir arbeiten und ob wir einen Partner oder Kinder haben. Dann kommt die Zeit und das Erleben. Rückblickend muss man bei den meisten Ereignissen ehrlicherweise zugeben, daß man sie sich anders vorgestellt hatte als sie eingetreten sind.
Häuser und Autos kann man verkaufen, wenn sie nicht der eigenen Vorstellung (mehr) entsprechen. Vom Partner kann man sich trennen, auch wenn man das (hoffentlich) nicht leichtfertig tut. Aber Kinder bleiben einem, auch wenn man sie sich „anders vorgestellt hat“. Ist nicht ein „anders als vorgestellt“ auch eine Herausforderung? Eine Chance zu wachsen? Neue Wege zu gehen? Hatte der Urzeitmensch eine Vorstellung davon, was passieren würde, wenn wir als Primaten den Baum verlassen? Hätte er eine gehabt, würden wir heute noch auf Bäumen leben!
Nehmt meine authentische Geschichte als Anlass darüber nachzudenken, welche Vorteile, welche Entwicklungspotenziale und Chancen darin stecken, wenn etwas anders ist als vorgestellt. Biegt nicht an dem Hund herum und versucht, ihn passend zu Euren Vorstellungen zu machen. Nehmt ihn so wie er ist und verändert Euch und Euer Wissen, dann können alle miteinander und voneinander lernen – und ich verspreche Euch – das ist richtig spannend und übertrifft jede Vorstellung. Und am Ende sind wir und unsere Lebenserfahrung das Ergebnis von unglaublichen vielen: "Das habe ich mir anders vorgestellt!"

Mit den wärmsten und herzlichsten Wünschen für Euch und Eure Hunde.🤗