Donnerstag, 1. März 2018

Guckst du?


"Aus den Augen - aus dem Sinn!", "Augen zu und durch!", "Tomaten auf den Augen!" Dies sind nur einige Sprichwörter, die verdeutlichen, wie wichtig die Augen für uns Menschen als Sinnesorgan sind. Sie stehen sprichwörtlich für Geist, Lebendigkeit, Wahrnehmung und Gefühle. Was wir nicht "mit  eigenen Augen gesehen haben", ist für uns nicht wahrhaftig. Unser Sehsinn funktioniert auf zwei verschiedenen neuronalen Wegen, die uns sogar zielgerichtet nach Gegenständen greifen lassen, auch wenn wir eigentlich blind sind (sogenanntes Blindsehen). Schaut man sich die Entwicklungsgeschichte des Menschen an, wird klar, warum dieser Sinn so sehr im Vordergrund unserer Wahrnehmung steht: Die Informationen der Außenwelt werden bis zu 80% über das Sehen wahrgenommen. Der Sehsinn ist das wichtigste Sinnessystem des Menschen und beschäftigt ca. ein Viertel unseres Gehirns mit der visuellen Wahrnehmung der Welt. Kaum ein Sinnesorgan ist besser erforscht und wirft dennoch viele spannende Fragen auf. Über die Augen bekommen wir ein Bild von der Welt. Wir erkennen Objekte, Gebäude und Menschen wieder, wir kennen uns aus und orientieren uns mit den Augen in fremdem Terrain. Der Sehsinn ist unser wichtigstes Sinnesorgan und ganz ehrlich: So gut wie wir sehen ist kein anderer Sinn, wir können schlicht nichts besser. Wir hören nicht wirklich gut, riechen schon gar nicht. In nur einem Bruchteil eines Augenblicks, können wir etwas wahrnehmen und darauf reflektorisch reagieren. Interessant ist auch, daß es Augenblick heißt. Alles deutet darauf hin, daß die Augen unser Tor zur Welt sind. Entwicklungsgeschichtlich macht es auch Sinn. Wir Menschen sind schon seit jeher hochsozial lebende Säugetiere. Es war schon immer wichtig, zu wissen, mit wem man es im sozialen Zusammenleben zu tun hat, um sich einzugliedern und nicht verstossen zu werden. Genauso wichtig war es (und ist es heute noch) erkennen zu können, wer bekannt und zur Gruppe dazugehörig ist und wer zur Gefahr werden könnte. Für die Orientierung war und ist es sinnvoll zu wissen, wo man ist und wie man wieder in Sicherheit zurück kommt.

Wenn heute Kunden zu mir kommen, dann oft mit der Problematik, daß sie einen Hund haben, der in bestimmten Situationen unangemessen reagiert. Wir sprechen zunächst über das, was bei diesen Hunden defizitär ist - in der Regel ist es das Gefühl für Sicherheit. Hierbei geht es oft um das häusliche Umfeld und um die Gebiete, in denen man mit seinem Hund unterwegs ist, spazieren geht oder trainiert. Die Probleme sind vielfältig, manch ein Hund hat Probleme mit Artgenossen, andere sind abgelenkt oder arbeiten nicht mit, der Abruf klappt nicht oder sie gehen jagen.

Zu Beginn der Beratung geht es in der Regel darum, die Beziehung zwischen Mensch und Hund zu optimieren, die Entwicklungspotenziale auszuschöpfen. Wir sprechen zum Beispiel bei unsicheren Hunden darüber, in welchen Gebieten sie sich sicher fühlen könnten. Dann erzählen mir die Besitzer, daß sie mit ihrem Hund doch schon immer im gleichen Gebiet unterwegs sind, sich die Unsicherheit aber nicht legt, dabei müsste der Hund sich doch auskennen und sicher fühlen.

Gut - schauen (schon wieder so ein Begriff) wir uns das Ganze einmal aus Hundesicht (und noch einer) an: Die Hundesicht ist keine (An)Sicht, sondern ein Geruch, genau genommen Millionen von Gerüchen. 
Der Hund ist kein Augentier wie wir Menschen, sondern ein Geruchswesen. Hunde erkennen ihren Menschen nicht an der Optik, sondern am Geruch, wie Experimente zeigen. Er nimmt seine Welt durch die Nase wahr und wir haben keine Vorstellung davon, wie sich unsere "Sichtwelt" im Kopf des Hundes als "Geruchswelt" abbildet. Wir könnten versuchen, einmal die vielen Details, die wir sehen uns als Geruch vorzustellen: Probier das einmal: Geh in den Wald und setze Dich auf eine Bank, lausche den Geräuschen und spüre den Wind, schaue auf alle Farben und Nuancen, die Du siehst und versuche Dir alle Wahrnehmungen als Geruch vorzustellen. Und selbst das wird nicht ausreichen, sich in den Hund hinein zu versetzen.

Wenn wir also täglich den gleichen Spaziergang mit unserem Hund machen oder immer auf die gleiche Wiese gehen, dann ist das nicht die gleiche Wiese wie am Vortag. Sie hat sich verändert, sie verändert sich jeden Moment: Eine Biene landet auf einer Blüte und hinterlässt dort ihren Geruch, ein Grashalm wird vom Schuh zermalmt und verstreut Aromen im Wind, von den Hundehaufen und Pinkelstellen ganz zu schweigen.
Was das für den Hund bedeutet, wenn es ein neues Gebiet ist, in das wir ihn bringen, liegt auf der Hand: Der Hund riecht andere Hunde und ihm ist bewußt, auf diesem Terrain hat er nichts zu suchen. Wir können sie nicht sehen und gehen davon aus, andere Hunde sind nicht dort. Für unseren Hund sind sie da, er riecht sie ja. Das Terrain ist bereits von anderen besetzt und woher soll der Hund wissen, daß die anderen auch alle nur zufällig und für einen kurzen Moment auf dieser Fläche waren? Er muß davon ausgehen, daß die anderen zusammengehören und eine Gruppe darstellen und dort leben. In der Welt der Hunde gibt es keine andere Option. So wird er erwarten, Ärger zu bekommen und sich unwohl fühlen. Sicherheit sieht anders aus.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn der Hund weder in fremder noch in bekannter Umgebung Sicherheit empfindet und auf seine hündische Art auf Umweltreize und die Überforderung reagiert. Er kann nicht anders: Seine Welt sieht nicht nur jeden Tag anders aus - nein, sie riecht vor allem anders.