Sonntag, 9. Dezember 2018

Hauptsache die Flexi hält oder...warum die Leine alleine nicht die Lösung ist

Es ist doch eigentlich selbstverständlich, dass man bei einem Hund, bei dem der Rückruf nicht klappt, wohl besser die Leine dran haben sollte. Zumindest aus Respekt gegenüber anderen Hundehaltern, sobald diese mit ihrem angeleinten Hund ins Sichtfeld kommen. Oder aus Respekt gegenüber anderen Menschen, die vielleicht Angst vor Hunden haben. Oder aus Respekt gegenüber Wildtieren, die nicht gerne gejagt werden wollen. Mal ganz abgesehen von gesetzlichen Bestimmungen.

So treffe ich - wie viele andere Hundehalter in Deutschland auch - regelmäßig auf frei laufende Tut-nixe, die ihren Job als Vorhut und Abklärer gewissenhaft für ihren Menschen erledigen. Diese Hunde haben wenig Ahnung davon und noch weniger Verständnis dafür, dass es auch Situationen im Leben eines Artgenossen geben kann, in denen ein Kontakt unerwünscht ist. Ich als Hundehalter erhebe zudem den Anspruch, dass ich selber entscheiden möchte, ob und wenn ja zu wem mein Hund Kontakt hat.
Nun denn, die Situationen, in denen Tut-nixe mit ihren Tut-nix-Herrschaften einem den Tag versauen können, kennt jeder zur Genüge. Ebenso wie die gesamte Palette von Massnahmen, um solch unerwünschte Kontakte rechtzeitig abzubrechen, zu verhindern oder umzulenken. Zum Beispiel, indem man dem anderen Hund Leckerchen hinwirft, einen Regenschirm aufspannt, eine Wurfschelle oder Wasserflasche zum Einsatz bringt oder schlicht behauptet, der eigene Hund hätte einen Magen-Darm-Infekt, um nur einige Beispiele der Feindabwehr zu nennen.
Nun hatte ich letzte Woche wieder solch eine Situation, in der der vor mir und meinem Hund laufende Labbi-Jungspund immerhin die zwischen uns liegende Distanz von geschätzten 150 m voll ausnutzte, um mit Anlauf in uns rein zu brettern. Frauchens frohlockendes Stimmchen schaffte es ab Meter 15 nicht mehr in seinen Gehörgang einzudringen. Impulskontrolle? Fehlanzeige! So galoppierte Mr.Hochstapler in gefühlter Überschallgeschwindigkeit auf mich und meinen nach einer OP in Reha befindlichen Hund zu. Wenn mein Hund derzeit eines nicht braucht, dann sind es Artgenossenkontakte und Tobereien. Ich konnte zumindest die Dynamik etwas abbremsen, indem ich mich vor meinen Hund stellte. Da mein Hund einer der wenigen mit so gar keiner Artgenossenproblematik ist (dafür hat er andere Baustellen), musste ich nur verhindern, dass es zu einer unangemessenen Bewegungsparty kommt. Und nur, weil nix passiert ist, heisst es ja nicht, dass die Situation in Ordnung war. 

Dass jedoch eine Leine doch nicht das Heilmittel der Wahl ist, musste ich heute erfahren. Heute war das Wetter saumässig, genau richtig, um mit dem Hund seine Reha-Bewegungs-Einheit in die freie Natur zu verlegen, ohne Gefahr zu laufen, viele Tut-nixe zu treffen. Also los. An einer Stelle musste ich ein Stück vielbefahrener Landstraße entlang gehen. Auf der andere Strassenseite lief eine weiße Schäfermischlingshündin mit ihrem Herrchen an der Flexibömmel. Wie gesagt: zwischen uns die Landstraße. Mit einem Mal sprang die Hündin mit Getöse in die Leine in Richtung von mir und meinem Hund. Ich hatte Sorge, daß die Flexi reissen könnte, doch stattdessen knallte die Hündin voll ins Halsband, genau in dem Moment, als Herrchen die Flexi auf Stop stellte. Die Flexi hielt. Doch der Rückschlag des Stopps wirbelte die Hündin um 180 Grad herum, so dass sie mit dem Kopf von uns weg in entgegengesetzte Richtung schaute. Verwirrt und wohl auch schleudertraumatisiert, schaute sie ihr Herrchen an, der in aller Ruhe an der Flexileine herumnästelte. Da fiel es mir auf: Durch den Ruck war das Halsband der Hündin auf gegangen. Sie war frei.

Gut, die Flexi hat gehalten, das Halsband nicht. Das hätte richtig ins Auge gehen können, denn noch bevor die Hündin sich vermutlich auf meinen Hund gestürzt hätte, wäre sie von einem Auto erfasst worden.

Die Lösung für das Problem der Artgenossenunverträglichkeit kann also nicht durch noch mehr Material gelöst werden. Das Problem der Artgenossenunverträglichkeit sollte therapeutisch angegangen werden oder besser noch: prophylaktisch, indem man sich Gedanken darüber macht, wie es sein kann, dass eine Vielzahl der Hunde, deren Besitzer sich - meistens jedenfalls - wahrhaftig Gedanken gemacht haben und Hundeschulen besuchten, trotzdem eine Leinenaggression entwickeln. Besteht da möglicherweise ein Zusammenhang? Ist das Sozialisieren in Wirklichkeit gar keine Sozialisierung, sondern wird vom Hund als eine Chance genutzt, eigenständig Strategien zu entwickeln, mit Artgenossen umzugehen (und nicht - wie beabsichtig - klarzukommen!)? Und was ist das Gassi gehen in den Augen des Hundes? Vielleicht eine Kommunikation mit Artgenossen in der Art von: "Ich war hier und wehe ich treffe Dich!" ? Wozu dienen denn Territoriumsmarkierungen? Sie haben doch den Zweck der Abgrenzung und sind eigentlich von der Natur eine tolle Einrichtung, um konfliktfrei und ohne direkte Konfrontation zu klären, wann wer wo sein darf.
Wir sollten Hunde nicht ständig wieder in Situationen bringen, in denen sie meinen, sich wehren oder angreifen zu müssen. Wir sollten nicht länger an der Wirkung oder dem Problemverhalten selber manipulieren, sondern an die Ursache gehen. Doch dafür müssen wir das biologische Wesen des Hundes begreifen und nicht egoistisch unsere Bedürfnisse in den Vordergrund und über die des Hundes stellen. Und dafür muss man ab und zu mal ausgetretene Pfade verlassen und sich gegen des Strom stellen. Nur weil alle das so schon immer gemacht haben, können alle auch schon immer auf einem Irrweg gewesen sein. Fakt ist: Es gab nie mehr Hundeschulen als heute, Wissen war nie so leicht zugänglich wie in den Zeiten des Internets und nie war es mühsamer, mit dem eigenen Hund ungestört unterwegs zu sein, nie war die Gesellschaft von Hunden und ihrem Verhalten (oft zu Recht) genervter als heute. Wir sollten umdenken...oder wenigstens anfangen nachzudenken.

Samstag, 26. Mai 2018

So hab` ich mir das aber nicht vorgestellt...

Als ich mich entschieden hatte, ein Hund solle einziehen, war schon ziemlich viel abgefrühstückt in unserer Familie: Die Kinder waren altersmäßig im zweistelligen Bereich und hatten durch jahrelange Haustierhaltung von Katzen, Meerschweinchen, Wellensittichen, Fischen und Zwergkaninchen gelernt, daß man für Tiere Verantwortung übernehmen muss. Wir hatten in der Vergangenheit stets eigene Behausungen für die Tiere gebaut, Vogelvolieren, Außengehege und Schutzhäuser gehörten genauso zum Beschäftigungsprogramm wie der regelmäßige Besuch von Wildparks und Biobauernhöfen. Sogar einen Film über artgerechte Meerschweinchenhaltung haben wir gedreht, der kindgerecht von meinen beiden Sprösslingen als Moderator und Sprecher erklärt, wie Meerschweinchen leben möchten.
Ich selber war von Kindesbeinen an mit Tierverhaltensbeobachtungen aufgewachsen, und mein ganzes Leben drehte sich um Tiere, allen voran Hunde, Pferde und Katzen. Noch dazu hatte ich eine Ausbildung als Tierheilpraktikerin absolviert, die mir zusätzlich noch medizinisches Grundlagenwissen und die Naturheilkunde vermittelt hatte. Eine Ausbildung im natural Horsemanship sowie Kenntnisse der Bodenarbeit mit Pferden und ein eigenes Buch über Gelassenheitstraining für Pferde rundeten unsere familiäre Qualifikation ab. Die Voraussetzungen für einen Hund waren meiner Meinung nach mehr als gegeben und so reifte die Entscheidung und Suche nach einem geeigneten Hund heran.
Bei uns im Stall gab es eine Aussiehündin, blue merle in der Farbe, die IMMER an der Seite ihrer Besitzerin war. Egal ob diese das Pferd putzte oder ausritt. So war meine Vorstellung von meinem Hund – immer an meiner Seite, so wie Lassie und Bessy. Ich hatte keinen Zweifel, daß es so sein würde.
Auch in den Urlaub sollte uns der Hund begleiten, waren wir doch oft mit dem Wohnwagen unterwegs und an den Wochenenden auf Westernturnieren...Ein Traum...
Meine Idee dahinter war, mir einen langgehegten Kindheitstraum endlich zu erfüllen. Meine Eltern hatten mich immer hingehalten und letztlich die Umsetzung verwährt. So blieb mir als Kind nichts anderes übrig, als bei jeder Gelegenheit mit meinem kleinen Klappfahrrad fünfjährig in den Großhansdorfer Wald „Raue Berge“ zu radeln und im Tierheim Großhansdorf herumzulungern. Nachmittags führte ich die Nachbarshunde Gassi oder sammelte entlaufene oder entflogene Tiere ein. Meine Kinder sollten es besser haben, sie sollten lernen, wie Tiere und nun auch ein Hund sich verhalten und wie man ihre Bedürfnisse erfüllen könnte. Wieviel Spaß es machen würde, mit dem Hund unterwegs zu sein, Abenteuer zu erleben. Im Kopf hatte ich dabei Bilder von Lassie aus dem Fernsehen, Pippi Langstrumpf und ihrem Pferd, Flipper und seiner Beziehung zu dem Jungen Sandy und das Comic mit Bessy und ihrem Cowboy Andy. Ein Pferd hatte ich schon, welches natürlich auch fit in Bodenarbeit war und mich gelassen durchs Gelände und auf Shows trug. So träumte ich von gemeinsamen Ausritten mit Hund und Pferd, hatte einen Hund im Kopf, der weder jagt, noch auf eigene Ideen käme. Ja, es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, daß es vielleicht die Option gäbe, daß er eigene Ideen hätte.

So entschied ich mich – eine Hündin, Blue Merle und ein Aussie sollte es sein. Welch ein schönes Bild: Schwarzes Pferd, bunter Hund und wir zusammen in der Prüfung „Horse and Dog-Trail“! Und wenn der Hund nicht mit mir und Pferd unterwegs war, dann konnte er ein toller Spielkamerad für die Kinder sein. Wir hatten einen großen Garten mit einer Spießers-Glück-Doppelhaushälfte gemietet und Pläne, ein Eigenheim auf einem Resthof oder mindestens großem Grundstück erwerben zu wollen.
Ja, das war so. Ganz ehrlich; das war meine Idee vom Hund.
Die Desillusionierung begann schon bei der Suche und Auswahl. Erst war es ein Welpe aus einer Ebay Kleinanzeige, der mir ins Auge stach. Allerdings war sie kein Aussie, sondern ein Mix aus Labbi und Cattle Dog und sie war auch nicht merle-farbig, sondern schwarz, genau genommen war sie laut telefonischer Auskunft der "Züchterin" auch keine Hündin... Egal, Kompromisse muss man eingehen. anyway, mein Sohn Philip und ich fuhren trotzdem hin, um die Welpen anzusehen: Eine Horde von kotzenden und Durchfall habenden kleinen Fellknäueln mit aufgeblähten Bäuchen und wohnhaft in einem Gartenhaus mit einer vollkommen überforderten Mutterhündin. Außerdem erkannte ich beim Anblick des von mir gewählten Welpen, daß es sich ganz offensichtlich doch um eine Hündin handelte, was die „Züchterin“ erstaunt zur Kenntnis nahm. Die Welpen waren 6 Wochen alt und sollten schnellstmöglich abgegeben werden (lt. Tierschutzgesetz verboten). Es war sehr desillusionierend und kein schöner Anblick, daß es den Welpen offenbar schlecht ging. 
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
So besuchte ich eine Züchterin in Mölln, bei der ich mir eine Hündin zwar, aber in der Farbe Black-tri ausgesucht hatte. Britta prüfte mich auf Herz und Niere, wollte mir aber diese Hündin nicht geben, da ich Ersthundebesitzer war und sie meinte, sie sei zu anspruchsvoll. Während des Besuches bekam ich zu dieser Hündin auch nicht wirklich einen Draht, so entschied ich mich für einen anderen Hund ihres Wurfes: Einen Black-tri Rüden, statt einer merle Hündin.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Der Tag kam, ich holte den kleinen Fratz mit einer Freundin zusammen ab und es zerriß mir das Herz, daß er so weinte...Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil er so klein und zart war und ich – selber Mutter von zwei Kindern – nur erahnen konnte, was das mit so einem kleinen Kerl macht...
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Die Welpenzeit verlief geplant und anstrengend, er zernagte mir Stuhlbeine, pinkelte ins Wohnzimmer und verbellte den Nachbarn am Gartenzaun. Er rannte im Wald hinter Rehen her, kaum daß er fünf Monte alt war und buddelte im Garten Löcher unter das Kaninchengehege. Er jagte die Katzen im Haus und draußen, schnappte nach Kinderhänden, die ihn streicheln wollten und motzte Besucher an. Er hatte Magen-Darm-Infekte mit Brechdurchfall und Zwingerhusten. Im Urlaub konnte ich nicht Skifahren, weil er im Hotelzimmer nicht alleine bleiben wollte und die ganze Hütte zusammenjaulte. Auf Gassigängen motzte er Artgenossen an und entwickelte eine satte Leinenaggression. Ins Wasser ging er nicht, pöbelte aber vom Ufer aus die Enten an. In der Hundeschule langweilte er sich schnell, machte nur Blödsinn und hütete die anderen Hunde. Kurzum – er brachte mich schnell an meine Grenzen. Abends ging er über Tische und Bänke, sprang auf dem Sofa herum und kaute auf meinen Fingern herum, wenn ich ihn einsammelte. Nachts hechelte er mich wach und ließ mich tagsüber nicht aus den Augen. Nur das Autofahren klappte...am Anfang noch. Irgendwann auch das nicht mehr.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Wenn ich in den Stall zu meinem Pferd fuhr, hatte ich ihn stets dabei. Es sollte normal für ihn sein. Auch im Stall erfuhr er als Welpe viel Aufmerksamkeit, alle waren außer Rand und Band, wenn er aus dem Auto hüpfte. Er sollte viel positive Erfahrungen mit Menschen sammeln, also ließ ich zu, daß er zu allen hinlief. Nicht ahnend, daß es von ihm anders interpretiert werden könnte. Er war in der Box im Roundpen, wenn ich mein Pferd laufen ließ. Das konnte er nicht gut aushalten, also verbrachte ich ihn ins Auto, wo er warten musste, bis ich fertig war. So nahm ich ihn dann mit auf Spaziergänge mit dem Pferd, damit er sich daran gewöhnen könnte, neben dem Pferd herzulaufen. Unglücklicherweise kam es dabei zu einem zugegebenermaßen unbeabsichtigten Zusammenstoß zwischen Pferd und Hund, damit war das Thema „Hund läuft neben Pferd her“ auch gegessen. Er hatte ab da mördermäßigen Stress, in der Nähe von Pferden zu sein.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Überhaupt – Stress – zunehmend mehr stellte ich fest, daß bestimmte Situationen offenbar nicht gut für ihn sind: Dazu gehörten viele der von mir gut gemeinten Aktivitäten wie Kontakte zu Artgenossen, Gassigänge, Mantrailing, Treibball und Hetzangel. Er fuhr schnell hoch, war hektisch und unkoordiniert und kam lange nach dem Training nicht mehr zur Ruhe. Seine Ansprechbarkeit und Koordination, sowie sein Körpergefühl waren gestört und anfassen ließ er sich auch von mir nur ungern. Mit fremden Menschen hatte er Probleme, war skeptisch und territorial, verbellte auch aus dem Auto heraus. Unzählige Besuche von Seminaren und Hundeschuleinheiten vermochten manches Problem zu vermindern, andere schienen unbeeinflussbar. Letztlich führte der Dauerstress zu einer Futtermittelallergie und einer Anfälligkeit für Magenschleimhautreizungen - eine Folge von Stress. Seine Skepsis gegenüber Menschen blieb, während er mit Artgenossen gut klar kam.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Wie ist das mit unseren Vorstellungen? Können wir uns überhaupt vorstellen, wie etwas ist, was wir noch nicht erlebt haben? 

Als Kinder haben wir eine Vorstellung, wie wir später mal leben könnten, was wir arbeiten und ob wir einen Partner oder Kinder haben. Dann kommt die Zeit und das Erleben. Rückblickend muss man bei den meisten Ereignissen ehrlicherweise zugeben, daß man sie sich anders vorgestellt hatte als sie eingetreten sind.
Häuser und Autos kann man verkaufen, wenn sie nicht der eigenen Vorstellung (mehr) entsprechen. Vom Partner kann man sich trennen, auch wenn man das (hoffentlich) nicht leichtfertig tut. Aber Kinder bleiben einem, auch wenn man sie sich „anders vorgestellt hat“. Ist nicht ein „anders als vorgestellt“ auch eine Herausforderung? Eine Chance zu wachsen? Neue Wege zu gehen? Hatte der Urzeitmensch eine Vorstellung davon, was passieren würde, wenn wir als Primaten den Baum verlassen? Hätte er eine gehabt, würden wir heute noch auf Bäumen leben!
Nehmt meine authentische Geschichte als Anlass darüber nachzudenken, welche Vorteile, welche Entwicklungspotenziale und Chancen darin stecken, wenn etwas anders ist als vorgestellt. Biegt nicht an dem Hund herum und versucht, ihn passend zu Euren Vorstellungen zu machen. Nehmt ihn so wie er ist und verändert Euch und Euer Wissen, dann können alle miteinander und voneinander lernen – und ich verspreche Euch – das ist richtig spannend und übertrifft jede Vorstellung. Und am Ende sind wir und unsere Lebenserfahrung das Ergebnis von unglaublichen vielen: "Das habe ich mir anders vorgestellt!"

Mit den wärmsten und herzlichsten Wünschen für Euch und Eure Hunde.🤗

Donnerstag, 1. März 2018

Guckst du?


"Aus den Augen - aus dem Sinn!", "Augen zu und durch!", "Tomaten auf den Augen!" Dies sind nur einige Sprichwörter, die verdeutlichen, wie wichtig die Augen für uns Menschen als Sinnesorgan sind. Sie stehen sprichwörtlich für Geist, Lebendigkeit, Wahrnehmung und Gefühle. Was wir nicht "mit  eigenen Augen gesehen haben", ist für uns nicht wahrhaftig. Unser Sehsinn funktioniert auf zwei verschiedenen neuronalen Wegen, die uns sogar zielgerichtet nach Gegenständen greifen lassen, auch wenn wir eigentlich blind sind (sogenanntes Blindsehen). Schaut man sich die Entwicklungsgeschichte des Menschen an, wird klar, warum dieser Sinn so sehr im Vordergrund unserer Wahrnehmung steht: Die Informationen der Außenwelt werden bis zu 80% über das Sehen wahrgenommen. Der Sehsinn ist das wichtigste Sinnessystem des Menschen und beschäftigt ca. ein Viertel unseres Gehirns mit der visuellen Wahrnehmung der Welt. Kaum ein Sinnesorgan ist besser erforscht und wirft dennoch viele spannende Fragen auf. Über die Augen bekommen wir ein Bild von der Welt. Wir erkennen Objekte, Gebäude und Menschen wieder, wir kennen uns aus und orientieren uns mit den Augen in fremdem Terrain. Der Sehsinn ist unser wichtigstes Sinnesorgan und ganz ehrlich: So gut wie wir sehen ist kein anderer Sinn, wir können schlicht nichts besser. Wir hören nicht wirklich gut, riechen schon gar nicht. In nur einem Bruchteil eines Augenblicks, können wir etwas wahrnehmen und darauf reflektorisch reagieren. Interessant ist auch, daß es Augenblick heißt. Alles deutet darauf hin, daß die Augen unser Tor zur Welt sind. Entwicklungsgeschichtlich macht es auch Sinn. Wir Menschen sind schon seit jeher hochsozial lebende Säugetiere. Es war schon immer wichtig, zu wissen, mit wem man es im sozialen Zusammenleben zu tun hat, um sich einzugliedern und nicht verstossen zu werden. Genauso wichtig war es (und ist es heute noch) erkennen zu können, wer bekannt und zur Gruppe dazugehörig ist und wer zur Gefahr werden könnte. Für die Orientierung war und ist es sinnvoll zu wissen, wo man ist und wie man wieder in Sicherheit zurück kommt.

Wenn heute Kunden zu mir kommen, dann oft mit der Problematik, daß sie einen Hund haben, der in bestimmten Situationen unangemessen reagiert. Wir sprechen zunächst über das, was bei diesen Hunden defizitär ist - in der Regel ist es das Gefühl für Sicherheit. Hierbei geht es oft um das häusliche Umfeld und um die Gebiete, in denen man mit seinem Hund unterwegs ist, spazieren geht oder trainiert. Die Probleme sind vielfältig, manch ein Hund hat Probleme mit Artgenossen, andere sind abgelenkt oder arbeiten nicht mit, der Abruf klappt nicht oder sie gehen jagen.

Zu Beginn der Beratung geht es in der Regel darum, die Beziehung zwischen Mensch und Hund zu optimieren, die Entwicklungspotenziale auszuschöpfen. Wir sprechen zum Beispiel bei unsicheren Hunden darüber, in welchen Gebieten sie sich sicher fühlen könnten. Dann erzählen mir die Besitzer, daß sie mit ihrem Hund doch schon immer im gleichen Gebiet unterwegs sind, sich die Unsicherheit aber nicht legt, dabei müsste der Hund sich doch auskennen und sicher fühlen.

Gut - schauen (schon wieder so ein Begriff) wir uns das Ganze einmal aus Hundesicht (und noch einer) an: Die Hundesicht ist keine (An)Sicht, sondern ein Geruch, genau genommen Millionen von Gerüchen. 
Der Hund ist kein Augentier wie wir Menschen, sondern ein Geruchswesen. Hunde erkennen ihren Menschen nicht an der Optik, sondern am Geruch, wie Experimente zeigen. Er nimmt seine Welt durch die Nase wahr und wir haben keine Vorstellung davon, wie sich unsere "Sichtwelt" im Kopf des Hundes als "Geruchswelt" abbildet. Wir könnten versuchen, einmal die vielen Details, die wir sehen uns als Geruch vorzustellen: Probier das einmal: Geh in den Wald und setze Dich auf eine Bank, lausche den Geräuschen und spüre den Wind, schaue auf alle Farben und Nuancen, die Du siehst und versuche Dir alle Wahrnehmungen als Geruch vorzustellen. Und selbst das wird nicht ausreichen, sich in den Hund hinein zu versetzen.

Wenn wir also täglich den gleichen Spaziergang mit unserem Hund machen oder immer auf die gleiche Wiese gehen, dann ist das nicht die gleiche Wiese wie am Vortag. Sie hat sich verändert, sie verändert sich jeden Moment: Eine Biene landet auf einer Blüte und hinterlässt dort ihren Geruch, ein Grashalm wird vom Schuh zermalmt und verstreut Aromen im Wind, von den Hundehaufen und Pinkelstellen ganz zu schweigen.
Was das für den Hund bedeutet, wenn es ein neues Gebiet ist, in das wir ihn bringen, liegt auf der Hand: Der Hund riecht andere Hunde und ihm ist bewußt, auf diesem Terrain hat er nichts zu suchen. Wir können sie nicht sehen und gehen davon aus, andere Hunde sind nicht dort. Für unseren Hund sind sie da, er riecht sie ja. Das Terrain ist bereits von anderen besetzt und woher soll der Hund wissen, daß die anderen auch alle nur zufällig und für einen kurzen Moment auf dieser Fläche waren? Er muß davon ausgehen, daß die anderen zusammengehören und eine Gruppe darstellen und dort leben. In der Welt der Hunde gibt es keine andere Option. So wird er erwarten, Ärger zu bekommen und sich unwohl fühlen. Sicherheit sieht anders aus.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn der Hund weder in fremder noch in bekannter Umgebung Sicherheit empfindet und auf seine hündische Art auf Umweltreize und die Überforderung reagiert. Er kann nicht anders: Seine Welt sieht nicht nur jeden Tag anders aus - nein, sie riecht vor allem anders.