Samstag, 26. Mai 2018

So hab` ich mir das aber nicht vorgestellt...

Als ich mich entschieden hatte, ein Hund solle einziehen, war schon ziemlich viel abgefrühstückt in unserer Familie: Die Kinder waren altersmäßig im zweistelligen Bereich und hatten durch jahrelange Haustierhaltung von Katzen, Meerschweinchen, Wellensittichen, Fischen und Zwergkaninchen gelernt, daß man für Tiere Verantwortung übernehmen muss. Wir hatten in der Vergangenheit stets eigene Behausungen für die Tiere gebaut, Vogelvolieren, Außengehege und Schutzhäuser gehörten genauso zum Beschäftigungsprogramm wie der regelmäßige Besuch von Wildparks und Biobauernhöfen. Sogar einen Film über artgerechte Meerschweinchenhaltung haben wir gedreht, der kindgerecht von meinen beiden Sprösslingen als Moderator und Sprecher erklärt, wie Meerschweinchen leben möchten.
Ich selber war von Kindesbeinen an mit Tierverhaltensbeobachtungen aufgewachsen, und mein ganzes Leben drehte sich um Tiere, allen voran Hunde, Pferde und Katzen. Noch dazu hatte ich eine Ausbildung als Tierheilpraktikerin absolviert, die mir zusätzlich noch medizinisches Grundlagenwissen und die Naturheilkunde vermittelt hatte. Eine Ausbildung im natural Horsemanship sowie Kenntnisse der Bodenarbeit mit Pferden und ein eigenes Buch über Gelassenheitstraining für Pferde rundeten unsere familiäre Qualifikation ab. Die Voraussetzungen für einen Hund waren meiner Meinung nach mehr als gegeben und so reifte die Entscheidung und Suche nach einem geeigneten Hund heran.
Bei uns im Stall gab es eine Aussiehündin, blue merle in der Farbe, die IMMER an der Seite ihrer Besitzerin war. Egal ob diese das Pferd putzte oder ausritt. So war meine Vorstellung von meinem Hund – immer an meiner Seite, so wie Lassie und Bessy. Ich hatte keinen Zweifel, daß es so sein würde.
Auch in den Urlaub sollte uns der Hund begleiten, waren wir doch oft mit dem Wohnwagen unterwegs und an den Wochenenden auf Westernturnieren...Ein Traum...
Meine Idee dahinter war, mir einen langgehegten Kindheitstraum endlich zu erfüllen. Meine Eltern hatten mich immer hingehalten und letztlich die Umsetzung verwährt. So blieb mir als Kind nichts anderes übrig, als bei jeder Gelegenheit mit meinem kleinen Klappfahrrad fünfjährig in den Großhansdorfer Wald „Raue Berge“ zu radeln und im Tierheim Großhansdorf herumzulungern. Nachmittags führte ich die Nachbarshunde Gassi oder sammelte entlaufene oder entflogene Tiere ein. Meine Kinder sollten es besser haben, sie sollten lernen, wie Tiere und nun auch ein Hund sich verhalten und wie man ihre Bedürfnisse erfüllen könnte. Wieviel Spaß es machen würde, mit dem Hund unterwegs zu sein, Abenteuer zu erleben. Im Kopf hatte ich dabei Bilder von Lassie aus dem Fernsehen, Pippi Langstrumpf und ihrem Pferd, Flipper und seiner Beziehung zu dem Jungen Sandy und das Comic mit Bessy und ihrem Cowboy Andy. Ein Pferd hatte ich schon, welches natürlich auch fit in Bodenarbeit war und mich gelassen durchs Gelände und auf Shows trug. So träumte ich von gemeinsamen Ausritten mit Hund und Pferd, hatte einen Hund im Kopf, der weder jagt, noch auf eigene Ideen käme. Ja, es kam mir überhaupt nicht in den Sinn, daß es vielleicht die Option gäbe, daß er eigene Ideen hätte.

So entschied ich mich – eine Hündin, Blue Merle und ein Aussie sollte es sein. Welch ein schönes Bild: Schwarzes Pferd, bunter Hund und wir zusammen in der Prüfung „Horse and Dog-Trail“! Und wenn der Hund nicht mit mir und Pferd unterwegs war, dann konnte er ein toller Spielkamerad für die Kinder sein. Wir hatten einen großen Garten mit einer Spießers-Glück-Doppelhaushälfte gemietet und Pläne, ein Eigenheim auf einem Resthof oder mindestens großem Grundstück erwerben zu wollen.
Ja, das war so. Ganz ehrlich; das war meine Idee vom Hund.
Die Desillusionierung begann schon bei der Suche und Auswahl. Erst war es ein Welpe aus einer Ebay Kleinanzeige, der mir ins Auge stach. Allerdings war sie kein Aussie, sondern ein Mix aus Labbi und Cattle Dog und sie war auch nicht merle-farbig, sondern schwarz, genau genommen war sie laut telefonischer Auskunft der "Züchterin" auch keine Hündin... Egal, Kompromisse muss man eingehen. anyway, mein Sohn Philip und ich fuhren trotzdem hin, um die Welpen anzusehen: Eine Horde von kotzenden und Durchfall habenden kleinen Fellknäueln mit aufgeblähten Bäuchen und wohnhaft in einem Gartenhaus mit einer vollkommen überforderten Mutterhündin. Außerdem erkannte ich beim Anblick des von mir gewählten Welpen, daß es sich ganz offensichtlich doch um eine Hündin handelte, was die „Züchterin“ erstaunt zur Kenntnis nahm. Die Welpen waren 6 Wochen alt und sollten schnellstmöglich abgegeben werden (lt. Tierschutzgesetz verboten). Es war sehr desillusionierend und kein schöner Anblick, daß es den Welpen offenbar schlecht ging. 
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
So besuchte ich eine Züchterin in Mölln, bei der ich mir eine Hündin zwar, aber in der Farbe Black-tri ausgesucht hatte. Britta prüfte mich auf Herz und Niere, wollte mir aber diese Hündin nicht geben, da ich Ersthundebesitzer war und sie meinte, sie sei zu anspruchsvoll. Während des Besuches bekam ich zu dieser Hündin auch nicht wirklich einen Draht, so entschied ich mich für einen anderen Hund ihres Wurfes: Einen Black-tri Rüden, statt einer merle Hündin.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Der Tag kam, ich holte den kleinen Fratz mit einer Freundin zusammen ab und es zerriß mir das Herz, daß er so weinte...Ich hatte ein schlechtes Gewissen, weil er so klein und zart war und ich – selber Mutter von zwei Kindern – nur erahnen konnte, was das mit so einem kleinen Kerl macht...
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Die Welpenzeit verlief geplant und anstrengend, er zernagte mir Stuhlbeine, pinkelte ins Wohnzimmer und verbellte den Nachbarn am Gartenzaun. Er rannte im Wald hinter Rehen her, kaum daß er fünf Monte alt war und buddelte im Garten Löcher unter das Kaninchengehege. Er jagte die Katzen im Haus und draußen, schnappte nach Kinderhänden, die ihn streicheln wollten und motzte Besucher an. Er hatte Magen-Darm-Infekte mit Brechdurchfall und Zwingerhusten. Im Urlaub konnte ich nicht Skifahren, weil er im Hotelzimmer nicht alleine bleiben wollte und die ganze Hütte zusammenjaulte. Auf Gassigängen motzte er Artgenossen an und entwickelte eine satte Leinenaggression. Ins Wasser ging er nicht, pöbelte aber vom Ufer aus die Enten an. In der Hundeschule langweilte er sich schnell, machte nur Blödsinn und hütete die anderen Hunde. Kurzum – er brachte mich schnell an meine Grenzen. Abends ging er über Tische und Bänke, sprang auf dem Sofa herum und kaute auf meinen Fingern herum, wenn ich ihn einsammelte. Nachts hechelte er mich wach und ließ mich tagsüber nicht aus den Augen. Nur das Autofahren klappte...am Anfang noch. Irgendwann auch das nicht mehr.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Wenn ich in den Stall zu meinem Pferd fuhr, hatte ich ihn stets dabei. Es sollte normal für ihn sein. Auch im Stall erfuhr er als Welpe viel Aufmerksamkeit, alle waren außer Rand und Band, wenn er aus dem Auto hüpfte. Er sollte viel positive Erfahrungen mit Menschen sammeln, also ließ ich zu, daß er zu allen hinlief. Nicht ahnend, daß es von ihm anders interpretiert werden könnte. Er war in der Box im Roundpen, wenn ich mein Pferd laufen ließ. Das konnte er nicht gut aushalten, also verbrachte ich ihn ins Auto, wo er warten musste, bis ich fertig war. So nahm ich ihn dann mit auf Spaziergänge mit dem Pferd, damit er sich daran gewöhnen könnte, neben dem Pferd herzulaufen. Unglücklicherweise kam es dabei zu einem zugegebenermaßen unbeabsichtigten Zusammenstoß zwischen Pferd und Hund, damit war das Thema „Hund läuft neben Pferd her“ auch gegessen. Er hatte ab da mördermäßigen Stress, in der Nähe von Pferden zu sein.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Überhaupt – Stress – zunehmend mehr stellte ich fest, daß bestimmte Situationen offenbar nicht gut für ihn sind: Dazu gehörten viele der von mir gut gemeinten Aktivitäten wie Kontakte zu Artgenossen, Gassigänge, Mantrailing, Treibball und Hetzangel. Er fuhr schnell hoch, war hektisch und unkoordiniert und kam lange nach dem Training nicht mehr zur Ruhe. Seine Ansprechbarkeit und Koordination, sowie sein Körpergefühl waren gestört und anfassen ließ er sich auch von mir nur ungern. Mit fremden Menschen hatte er Probleme, war skeptisch und territorial, verbellte auch aus dem Auto heraus. Unzählige Besuche von Seminaren und Hundeschuleinheiten vermochten manches Problem zu vermindern, andere schienen unbeeinflussbar. Letztlich führte der Dauerstress zu einer Futtermittelallergie und einer Anfälligkeit für Magenschleimhautreizungen - eine Folge von Stress. Seine Skepsis gegenüber Menschen blieb, während er mit Artgenossen gut klar kam.
Das hatte ich mir anders vorgestellt.
Wie ist das mit unseren Vorstellungen? Können wir uns überhaupt vorstellen, wie etwas ist, was wir noch nicht erlebt haben? 

Als Kinder haben wir eine Vorstellung, wie wir später mal leben könnten, was wir arbeiten und ob wir einen Partner oder Kinder haben. Dann kommt die Zeit und das Erleben. Rückblickend muss man bei den meisten Ereignissen ehrlicherweise zugeben, daß man sie sich anders vorgestellt hatte als sie eingetreten sind.
Häuser und Autos kann man verkaufen, wenn sie nicht der eigenen Vorstellung (mehr) entsprechen. Vom Partner kann man sich trennen, auch wenn man das (hoffentlich) nicht leichtfertig tut. Aber Kinder bleiben einem, auch wenn man sie sich „anders vorgestellt hat“. Ist nicht ein „anders als vorgestellt“ auch eine Herausforderung? Eine Chance zu wachsen? Neue Wege zu gehen? Hatte der Urzeitmensch eine Vorstellung davon, was passieren würde, wenn wir als Primaten den Baum verlassen? Hätte er eine gehabt, würden wir heute noch auf Bäumen leben!
Nehmt meine authentische Geschichte als Anlass darüber nachzudenken, welche Vorteile, welche Entwicklungspotenziale und Chancen darin stecken, wenn etwas anders ist als vorgestellt. Biegt nicht an dem Hund herum und versucht, ihn passend zu Euren Vorstellungen zu machen. Nehmt ihn so wie er ist und verändert Euch und Euer Wissen, dann können alle miteinander und voneinander lernen – und ich verspreche Euch – das ist richtig spannend und übertrifft jede Vorstellung. Und am Ende sind wir und unsere Lebenserfahrung das Ergebnis von unglaublichen vielen: "Das habe ich mir anders vorgestellt!"

Mit den wärmsten und herzlichsten Wünschen für Euch und Eure Hunde.🤗

Donnerstag, 1. März 2018

Guckst du?


"Aus den Augen - aus dem Sinn!", "Augen zu und durch!", "Tomaten auf den Augen!" Dies sind nur einige Sprichwörter, die verdeutlichen, wie wichtig die Augen für uns Menschen als Sinnesorgan sind. Sie stehen sprichwörtlich für Geist, Lebendigkeit, Wahrnehmung und Gefühle. Was wir nicht "mit  eigenen Augen gesehen haben", ist für uns nicht wahrhaftig. Unser Sehsinn funktioniert auf zwei verschiedenen neuronalen Wegen, die uns sogar zielgerichtet nach Gegenständen greifen lassen, auch wenn wir eigentlich blind sind (sogenanntes Blindsehen). Schaut man sich die Entwicklungsgeschichte des Menschen an, wird klar, warum dieser Sinn so sehr im Vordergrund unserer Wahrnehmung steht: Die Informationen der Außenwelt werden bis zu 80% über das Sehen wahrgenommen. Der Sehsinn ist das wichtigste Sinnessystem des Menschen und beschäftigt ca. ein Viertel unseres Gehirns mit der visuellen Wahrnehmung der Welt. Kaum ein Sinnesorgan ist besser erforscht und wirft dennoch viele spannende Fragen auf. Über die Augen bekommen wir ein Bild von der Welt. Wir erkennen Objekte, Gebäude und Menschen wieder, wir kennen uns aus und orientieren uns mit den Augen in fremdem Terrain. Der Sehsinn ist unser wichtigstes Sinnesorgan und ganz ehrlich: So gut wie wir sehen ist kein anderer Sinn, wir können schlicht nichts besser. Wir hören nicht wirklich gut, riechen schon gar nicht. In nur einem Bruchteil eines Augenblicks, können wir etwas wahrnehmen und darauf reflektorisch reagieren. Interessant ist auch, daß es Augenblick heißt. Alles deutet darauf hin, daß die Augen unser Tor zur Welt sind. Entwicklungsgeschichtlich macht es auch Sinn. Wir Menschen sind schon seit jeher hochsozial lebende Säugetiere. Es war schon immer wichtig, zu wissen, mit wem man es im sozialen Zusammenleben zu tun hat, um sich einzugliedern und nicht verstossen zu werden. Genauso wichtig war es (und ist es heute noch) erkennen zu können, wer bekannt und zur Gruppe dazugehörig ist und wer zur Gefahr werden könnte. Für die Orientierung war und ist es sinnvoll zu wissen, wo man ist und wie man wieder in Sicherheit zurück kommt.

Wenn heute Kunden zu mir kommen, dann oft mit der Problematik, daß sie einen Hund haben, der in bestimmten Situationen unangemessen reagiert. Wir sprechen zunächst über das, was bei diesen Hunden defizitär ist - in der Regel ist es das Gefühl für Sicherheit. Hierbei geht es oft um das häusliche Umfeld und um die Gebiete, in denen man mit seinem Hund unterwegs ist, spazieren geht oder trainiert. Die Probleme sind vielfältig, manch ein Hund hat Probleme mit Artgenossen, andere sind abgelenkt oder arbeiten nicht mit, der Abruf klappt nicht oder sie gehen jagen.

Zu Beginn der Beratung geht es in der Regel darum, die Beziehung zwischen Mensch und Hund zu optimieren, die Entwicklungspotenziale auszuschöpfen. Wir sprechen zum Beispiel bei unsicheren Hunden darüber, in welchen Gebieten sie sich sicher fühlen könnten. Dann erzählen mir die Besitzer, daß sie mit ihrem Hund doch schon immer im gleichen Gebiet unterwegs sind, sich die Unsicherheit aber nicht legt, dabei müsste der Hund sich doch auskennen und sicher fühlen.

Gut - schauen (schon wieder so ein Begriff) wir uns das Ganze einmal aus Hundesicht (und noch einer) an: Die Hundesicht ist keine (An)Sicht, sondern ein Geruch, genau genommen Millionen von Gerüchen. 
Der Hund ist kein Augentier wie wir Menschen, sondern ein Geruchswesen. Hunde erkennen ihren Menschen nicht an der Optik, sondern am Geruch, wie Experimente zeigen. Er nimmt seine Welt durch die Nase wahr und wir haben keine Vorstellung davon, wie sich unsere "Sichtwelt" im Kopf des Hundes als "Geruchswelt" abbildet. Wir könnten versuchen, einmal die vielen Details, die wir sehen uns als Geruch vorzustellen: Probier das einmal: Geh in den Wald und setze Dich auf eine Bank, lausche den Geräuschen und spüre den Wind, schaue auf alle Farben und Nuancen, die Du siehst und versuche Dir alle Wahrnehmungen als Geruch vorzustellen. Und selbst das wird nicht ausreichen, sich in den Hund hinein zu versetzen.

Wenn wir also täglich den gleichen Spaziergang mit unserem Hund machen oder immer auf die gleiche Wiese gehen, dann ist das nicht die gleiche Wiese wie am Vortag. Sie hat sich verändert, sie verändert sich jeden Moment: Eine Biene landet auf einer Blüte und hinterlässt dort ihren Geruch, ein Grashalm wird vom Schuh zermalmt und verstreut Aromen im Wind, von den Hundehaufen und Pinkelstellen ganz zu schweigen.
Was das für den Hund bedeutet, wenn es ein neues Gebiet ist, in das wir ihn bringen, liegt auf der Hand: Der Hund riecht andere Hunde und ihm ist bewußt, auf diesem Terrain hat er nichts zu suchen. Wir können sie nicht sehen und gehen davon aus, andere Hunde sind nicht dort. Für unseren Hund sind sie da, er riecht sie ja. Das Terrain ist bereits von anderen besetzt und woher soll der Hund wissen, daß die anderen auch alle nur zufällig und für einen kurzen Moment auf dieser Fläche waren? Er muß davon ausgehen, daß die anderen zusammengehören und eine Gruppe darstellen und dort leben. In der Welt der Hunde gibt es keine andere Option. So wird er erwarten, Ärger zu bekommen und sich unwohl fühlen. Sicherheit sieht anders aus.

Wir sollten uns also nicht wundern, wenn der Hund weder in fremder noch in bekannter Umgebung Sicherheit empfindet und auf seine hündische Art auf Umweltreize und die Überforderung reagiert. Er kann nicht anders: Seine Welt sieht nicht nur jeden Tag anders aus - nein, sie riecht vor allem anders.

Sonntag, 23. Juli 2017

Gewalt beginnt im Kopf


 Man stelle sich vor: Lukas, vier Jahre alt, ein hübscher kleiner Junge ist mit seiner Mutter auf dem Weg zum Spielplatz. Dort erwarten ihn schon seine Freunde aus dem Kindergarten. Er hat heute seinen neuen Bagger dabei, den er unbedingt ausprobieren möchte. Er kann es nicht erwarten, endlich im Sand spielen zu dürfen und konnte schon nicht richtig still sitzen, als Mama ihm die Schuhe anziehen wollte. Mama findet es wichtig, daß die Schuhe zugebunden werden und besteht darauf, daß er die Beine still hält. Aber er konnte es nicht abwarten und zappelte herum. Mama machte böse Zischgeräusche und sah ich drohend an. Er schaute sie mit großen erschrockenen Augen an, so einen Blick kannte er von ihr nicht und traute sich nicht mehr, sich zu bewegen. Außerdem hatte er Angst, sie könnte ihn wieder in den Keller sperren. Neulich als er nicht einschlafen konnte und noch aufgeregt im Bett hüpfte, da hat sie es gemacht und auch als er Nachts Angst vor der Dunkelheit hatte und dachte, unter seinem Bett seien Gespenster. Im Keller ist es kalt und dunkel, er fühlte sich sehr einsam und verlassen und weinte die ganze Zeit leise vor sich hin.
 Der Weg zum Spielplatz ist nicht weit, er kennt ihn gut und läuft schon voraus in fröhlicher Erwartung, seinen Bagger im Sand auszuprobieren und die Freunde zu treffen. Lukas läuft so schnell ihn die kleinen Beinchen tragen, als plötzlich von hinten ein Schlüsselbund hinter seinen kleinen Füßen auf den Boden knallt. Er erschreckt sich und bleibt stehen, schaut sich zu Mama um, die ihn wieder drohend anschaut und böse mit ihm schimpft. Lukas versteht nicht, warum er nicht vorlaufen darf; auf dem Weg zum Kindergarten durch den Park ist es in Ordnung, auf dem Spielplatz darf er auch überall hin, während Mama auf der Bank sitzt, warum jetzt hier nicht? Er senkt den Kopf, weil er spürt, daß Mama sehr böse auf ihn ist. Er mag es nicht, wenn Mama mit ihm schimpft, aber er versteht auch nicht, was sie so böse macht. Er verspürt Angst, sie könnte ihn nicht mehr lieb haben. Sie gehen ein paar Meter weiter, Lukas bleibt jetzt lieber erstmal dicht bei Mama, als er seinen Freund Tim schon am Tor des Spielplatzes sehen kann. Tom ruft "Hallo Lukas, komm schnell, wir wollen eine Autobahn bauen, wir brauchen Dich und den Bagger!" Lukas läuft los, der Bagger wippt in seiner kleinen Hand. Auf einmal hört er einen Zischlaut und im nächsten Moment spritzt Wasser auf seinen Rücken. Er bleibt stehen, dreht sich erschrocken um und sieht wie Mama eine Wasserflasche auf ihn gerichtet hält und böse drohend zu ihm blickt. Sie sagt mit tiefer böser Stimme: "Wehe, Du läufst weiter!"

In der Kinderpsychologie benennt man einen derartigen Umgang mit dem Kind "seelische Misshandlung", zu der u.a. folgende Aspekte zuzuordnen sind (Barbarino und Fonda 1986): "Terrorisieren: Das Kind mit Drohungen ängstigen und einschüchtern, Isolieren: Das Kind von Außenkontakten abschneiden, das Gefühl von Einsamkeit und Verlassenheit vermitteln, einsperren." Dies entspricht einer sozialen Isolation, isoliert auch und vor allem von Familienmitgliedern und Sozialpartnern.

Zugegeben, dieses Szenario ist frei erfunden, doch ein solches Vorgehen scheint im  Hundebereich gesellschaftsfähig zu werden, wenn man sich durch die Ratschläge in den Medien arbeitet. 


Der Hund ist durch den Domestikationsprozess im Vergleich zum Wolf als Urahn des Hundes, jugendlich in seinem Verhalten geblieben. Der Hund verbleibt Zeit seines Lebens in der Abhängigkeit zum Menschen, was ihn mit einem Kind vergleichbar macht. Auch haben wir Hundehalter eine Fürsorgepflicht wie bei Kindern, wenn wir einen Hund übernehmen. Der Hund ist als einzig domestizierte Haustierart in der Regel in die Familie integriert und genießt nicht selten den gleichen Stellenwert wie ein Kind. Und doch würden wir (hoffentlich) mit unseren Kindern nie so umgehen wie es oft für den Hund empfohlen wird.
Dieser Trend zur Einschüchterung, Bedrohung und Isolation scheint der Versuch zu sein, einen Mittelweg zwischen von der Dominanztheorie geprägten schmerzhaften und zum Teil aggressiven Vorgehensweise mit "Alpharolle", Schnauzgriff, Leinenruck, und aversiven Strafzeizen (Strom- und Stachelhalsbänder) und dem sogenannten "Wattebauschwerfen", dem vermeintlichen Weglassen von Strafen zu sein. Vermeintlich deshalb, weil dem Hundehalter oft Glauben gemacht wird, daß eine "Arbeit mit ausschließlich positiven Bestärkungen" ausschließlich positiv sei. Doch das ist nicht möglich, wenn man sich die Lerntheorien und Definitionen von Belohnungen und Bestrafungen ansieht, dann ist schon das Ausbleiben einer Belohnung per Definition eine negative Strafe. Doch das soll hier nicht Thema sein.

Möglicherweise soll es ein anderer Weg sein, damit man dem Hund Grenzen setzen, ihm klar machen kann, was erwünscht und was nicht erwünscht ist ohne aversiv oder zu soft vorgehen zu müssen, weil aversiv verboten ist und zu soft nicht zum Erfolg führt?


Dazu kommt, daß in der körpersprachlichen Kommunikation des Hundes im Ausdrucksverhalten kein Unterschied zu erkennen ist, ob ein Hund sich submissiv, also unterwerfend verhält oder Angst hat. Das Bild, welches der Mensch sieht, ist ein Hund, der sich scheinbar unterwirft, im Körper einknickt, den Rücken rund zieht, den Blick abwendet, sich vielleicht sogar auf den Rücken wirft und aktiv oder passiv beschwichtigt. Doch auch ein Hund, der eingeschüchtert ist, Angst hat, zeigt dieses Verhalten, da die Option Flucht durch geschlossene Türen oder Zäune oder durch die Leine nicht möglich ist. So denkt der Hundehalter möglicherweise, seine seelische Misshandlung würde bei dem Hund Früchte tragen, weil er sich ja "unterwirft" und damit die höhere Stellung des Menschen "akzeptiert", doch in Wahrheit entwickelt der Hund zunehmend mehr Angst vor seinem eigenen Sozialpartner Mensch, dem er nicht entfliehen kann. Eine ambivalente Bindung ist  zwangsläufig die Folge einer solchen Vorgehensweise und wie man sich denken kann: fatal für jeden Vertrauensaufbau.

Tatsächlich sollte man sich darüber im Klaren sein, was das mit dem Hund macht, was wir mit dem Hund machen. In Situationen, in denen ein Hund unerwünschtes Verhalten zeigt, sollte die erste Frage sein: "Warum tut er das jetzt?" und nicht: "Wie kriege ich das abgestellt?"
Macht man sich auf die Suche nach den Gründen, warum der Hund tut, was er tut, findet man sehr schnell viele Dinge über den eigenen Hund heraus, die man vorher überhaupt nicht bedacht und erkannt hat. Es ist also eine Chance, seinen Hund besser kennen zu lernen. Dies beugt im Übrigen auch zukünftigen Missverständnissen vor.

Wenn also, um ein Beispiel zu nennen, der Hund an der Leine zieht, kann eine Motivation dafür sein (und ist es in der Regel auch), daß der Hund OHNE Leine die Verantwortung für das Team übernimmt. Das kann jeder ganz einfach überprüfen: Einfach die Leine abmachen und sehen, was passiert: Läuft der Hund vorne weg und macht den Weg frei, bleibt vielleicht ab und an stehen und schaut sich nach seinem Menschen um, dann ist er sehr sozial mit dem Menschen, weil er sein hündisches Tempo der Langsamkeit des Menschen anpasst. Dieser Hund ist als erster an den Außenreizen, die da kommen und damit der Entscheidungsträger, was mit diesen Reizen zu tun ist. Egal, ob es Spaziergänger, Artgenossen oder andere Tiere oder Dinge der unbelebten Umwelt sind.

Die Motivation in diesem Beispiel kann also sein, die Verantwortung und Entscheidung zu tragen. Das geht genau so lange gut, bis der Hund eine aus der Sicht des Menschen falsche oder unerwünschte Einscheidung trifft: Zum Beispiel einen Jogger anbellen. Dann kommt die Leine geflogen, die Wurfschelle oder was auch immer. Der Hund wird eingeschüchtert und bedroht. Für den Hund ist diese Reaktion des Menschen, wenn er sie denn mit diesem überhaupt in Verbindung bringt, verunsichernd und birgt die Gefahr des Vertrauensbruchs. 
Nicht selten passiert zudem diese Form der "Erziehung" in Momenten, in denen der Hund ohnehin schon durch den Außenreiz verunsichert ist. Häufig ist die Ursache für problematisches Verhalten eine Verunsicherung oder Angstreaktion des Hundes: Zum Beispiel das Bellen am Gartenzaun kann aus der Angst vor Verlust der eigenen Ressourcen und Sicherheit geschehen. Wirklich sichere Hunde sind souveräne Hund bellen in der Regel nicht am Gartenzaun. Sie warten, bis derjenige das Grundstück betritt und dann: "Viel Glück!"
Es kann auch Selbstdarstellung oder ritualisiertes Verhalten sein, weil der Hund nichts Anderes gefunden hat, womit er sich Anerkennung und Integration in die Gruppe vorstellen kann. Dann könnte er aus Angst vor Verlust der Gruppenzugehörigkeit am Gartenzaun bellen und seinen Job machen. Irgendwann kommt dann noch der Spaßfaktor dazu, weil die Außenwelt entsprechend auf den Krawall reagiert und den Hund in seiner Vorgehensweise bestärkt: Es fühlt sich für den Hund auch gut an, wenigstens aus dem Schutz des gesicherten Grundstückes heraus, jemanden zu beeindrucken. Wenn ihm das schon sonst nicht gelingt. Dann ist es Angst, nicht ernst genommen zu werden. Im Übrigen eine begründete Angst vieler Hunde, denn wir Hundehalter neigen dazu, unsere Hunde nicht ernst zu nehmen. Die kleineren Hunde schon dreimal nicht. Katastrophal für den Hund.
Doch neben Wasserflasche, Wasserpistole, Wurfschelle und fliegenden Leinen gibt es auch noch die Einschüchterung über zischende Laute oder drohendes Fixieren bzw. drohende Körpersprache. Hunde untereinander nutzen sehr wohl Laute (Knurren), Blickfixieren und auch Körpersprache, um miteinander zu kommunizieren. Man sollte meinen, dies sei eine für den Hund nachvollziehbare und der Tierart Hund angemessene Kommunikation.
Ich habe keinen Zweifel daran, das der Hund das auch so versteht, denn die von mir beobachteten Reaktionen der Hund zeigen in der Regel einen Abbruch des Verhaltens, sowie in der Regel eine submassive Körpersprache.
Damit ist das unerwünschte Verhalten des Hundes abgestellt und der Mensch zufrieden. Respekt oder Angst - diese Frage bleibt unbeantwortet, da die Körpersprache des Hundes als Reaktion keine Differenzierung zulässt.

Für den Hund verbleibt auch möglicherweise eine Ambivalenz in den Reaktionen des Menschen, weil es Situationen gibt, in denen der Hund bedroht wird und andere, in denen der Hund das gleiche Verhalten zeigt, aber nicht bedroht wird. So kann der Hund nicht erkennen, was wirklich erwünscht und was unerwünscht ist.
Man sollte sich über die Motivation des Hundes für sein Verhalten klar sein und darüber nachdenken, wann das Verhalten auftritt und ob ich zum Beispiel dem Hund nicht ständig wieder Gelegenheit bzw. Verantwortung übertrage, dieses Verhalten zeigen zu müssen. Prävention ist das Stichwort und nicht Korrektur, Bestrafung oder Ablenkung. Erst wenn ich mir sicher sein kann, daß ich dem Hund mit meinem gesamten Handling und Umgang "erklärt" habe, wer für was zuständig ist, kann ich ihn auch in seine Schranken weisen, ohne ihn zu bedrohen oder einzuschüchtern. Mit "in seine Schranken weisen" meine ich vor allem, sich selber körperlich einzubringen, zu splitten und den Hund körperlich abzugrenzen von dem, was er als Reaktionsauslöser betrachtet ohne ihn zu bedrohen oder einzuschüchtern.
 Im Zweifel kann ich dies auch über Begrenzungen wir z.B. Leine und/oder Hausleine tun, um den Hund in seinem Radius einzugrenzen und mich selber handlungsfähig zu machen, ohne die Individualdistanz des Hundes zu verletzen.
Oft führt auch zunächst das Vermeiden von Situationen im "roten Bereich" dazu, daß erst einmal das Vertrauen wieder hergestellt werden kann, eine sichere Bindung entsteht. Dann ist die Grundlage geschaffen, den Hund mit schwierigeren Situationen zu konfrontieren und ihn durch diese zu geleiten. Wenn es dann noch nötig sein sollte, eine angemessene Grenze aufzuzeigen, wird diese ohne Einschüchterung oder Strafe möglich sein, der Hund wird den sozialen Zusammenhang verstehen und sein Verhalten entsprechend modifizieren. Meine Erfahrung ist: Ist die Beziehung auf sichere Beine gestellt, genügt meist ein Blick des Menschen und ein Gedanke, damit der Hund sein unerwünschtes Verhalten unterlässt. Der Mensch wird berechenbar in seinen Reaktionen, das schafft Vertrauen und Sicherheit, der Hund kennt seinen Rahmen und seine Verantwortungen und wird sich in der Regel dankbar darauf beziehen. Oft genug erlebe ich, daß Hunde in sicheren Beziehungen gar kein unerwünschtes Verhalten mehr zeigen.

Schau hin und frage Dich, warum Dein Hund tut, was er tut. Schau hin und frage Dich, was könnte dazu führen, daß Dein Hund NICHT tut, was er eigentlich tun soll: Ist es an dieser Stelle zu diesem Zeitpunkt sicher genug (aus der Sicht des Hundes!) es zu tun oder gibt es gute Gründe, es zu lassen ? In eine Angstsituation hinein zu korrigieren, sollte tabu sein.

Es hat alles einen Sinn, denn alles ist Kommunikation. Nach Watzlawick (Psychotherapeut, Soziologe und Kommunikationswissenschaftler): Man kann nicht nicht kommunizieren

Aber: Man kann es (auch absichtlich) missverstehen.